30 Aug 2011, Geschrieben von Peter Rudolph in Buchtipp,Rezension, 5 Kommentare
Rezension: »Kreativität aushalten / Psychologie für Designer«
Es gibt Bücher, die liest man einfach nur, ohne dass wirklich etwas dabei hängen bleibt. Es gibt Bücher, bei deren Lektüre einzelne Fakten hängenbleiben, bei denen man neues Wissen gewinnt. Und dann gibt es noch solche Bücher, die nicht nur Wissen vermitteln, sondern die zum Nachdenken angeregen und dazu führen, dass man sich selbst beobachtet und sein eigenes Handeln hinterfragt. Das Buch „Kreativität aushalten / Psychologie für Designer“ von Frank Berzbach fällt (für mich zumindest) definitiv in diese letzte Kategorie.
Braucht es wirklich ein Buch, das sich mit der Psychologie von Gestaltern befasst? Wem hilft das? Mir zumindest hat dieses Buch eine ganze Menge gebracht und in einigen Aspekten die Augen geöffnet.
Beim renommierten Design-Denker und –Coach Joachim Kobuss (designersbusiness) kommt das Buch hingegen nicht allzu gut weg – viel mehr Mehrwert als „eine unvollständige und einseitige, aber doch informative Literaturliste“ sieht er in seiner Rezension aus dem Frühjahr dieses Jahres nicht darin und kommt zu dem Schluss: „Eine designferne Betrachtung der Kreativität und Psychologie – nicht auszuhalten“. Vermutlich liegt der Unterschied darin, dass Herr Kobuss schon etliche Jahre in der Branche unterwegs ist – und zudem ein Mensch ist, der sich von Haus aus intensiv auch (wenn nicht gar vorrangig) mit der theoretischen und psychologischen Seite des Designs befasst, mutmaßlich weitaus mehr, als es der durchschnittliche Designer (leider?) jemals tun wird. Der klassische Designer, insbesondere wenn noch am Anfang seiner Laufbahn oder noch in der Ausbildung, dürfte aber sehr wohl eine Menge mehr aus diesem Buch ziehen können, als nur die oben zitierte Literaturliste – so zumindest meine Einschätzung. Es ist also nicht zuletzt eine Frage der Zielgruppe, wie man dieses Buch bewertet.
Aber worum geht es in „Kreativität aushalten“? Frank Berzbach geht in seinem Buch auf verschiedenste Aspekte des kreativen Arbeitens ein:
Im ersten Kapitel „Gestalterisch tätig sein“ definiert er zunächst die Besonderheiten der Kreativarbeit in Abgrenzung zu anderen Berufsfeldern und bereitet somit den Boden für die nachfolgenden Kapitel, die sich mit den psychologischen Aspekten des „richtig-“, „allein-“, „für andere-“, „falsch-“ und „nicht“ Arbeitens befassen.
So geht es dabei beispielsweise um sinnvolle Arten der Teamarbeit und die Rollenverteilung verschiedener Charaktertypen im Team, es geht um den richtigen Umgang mit Feedback und Kritik, um die aus Produktivitätsgesichtspunkten sinnvolle Gestaltung des eigenen Arbeitsplatzes und auch um die psychologischen Aspekte bei der Kommunikation mit Kunden und Kollegen.
Ein ausführlich behandeltes Thema ist die Zeit beziehungsweise das Zeitmanagement: Was sind sinnvolle Arbeitszeiten, wann und wie sollten Pausen eingelegt werden, um langfristig konztentriert arbeiten zu können, welchen Einfluss hat die in der Kreativbranche so verbreitete Nachtarbeit auf Konzentration, Produktivität und Gesundheit? Berzbach gibt hier nicht nur vage Empfehlungen sondern untermauert seine Thesen beispielsweise mit Erkenntnissen aus der Schlafforschung.
Sehr interessant ist auch das Kapitel zu dem, was Berzbach etwas hölzern als „Telearbeit“ bezeichnet. So mag es zwar schick und entspannt sein, mit dem Notebook im Cafe zu „arbeiten“ – in Sachen Konzentration und Produktivität ist das laut Berzbach aber so ziemlich die schlechteste Wahl, die man treffen kann.
Auch der richtige Umgang mit Stresssituationen bis hin zur Burnoutgefahr wird in einem sehr hilfreichen Kapitel behandelt.
Mir selbst passierte es bei der Lektüre immer wieder, dass ich Sachverhalte, die mir „irgendwie schon immer so vorkamen“, auf einmal schwarz auf weiß und mit empirischen Daten untermauert vor mir sah. Doppelt schön: Zum einen, weil man ja irgendwie von Anfang an richtig lag, zum anderen, weil man nun endlich die letzte Bestätigung hat, die nötig war, um die vermutlich längst überfälligen Konsequenzen zu ziehen. Solche Erlebnisse machen klar, dass es sich hier nicht um einen beliebigen Ratgeber aus der Diät– und Esoterikecke handelt, sondern um einen fundierten und praxisbezogenen Denkanstoß für jeden, der kreativ tätig ist.
Gestaltung
Gestalterisch bleibt nicht viel mehr zu sagen als „Verlag Herman Schmidt, Mainz“. Ein Flexcover mit abgerundeten Ecken macht das Buch zu einem dankbaren Begleiter in Bahn oder Park (die neu erworbenen Erkenntnisse zu sinnvollen Auszeiten wurden direkt umgesetzt ;)), die Fadenheftung erlaubt ein angenehmes Bättern ohne lästiges Aufsperren.
Eine Besonderheit des durchgängig zweifarbig gedruckten Buches sind die „Anstreichungen“, die auf (fast) jeder Seite die Schlüsselpassage(n) markieren und am Seitenende mit einem passenden Schlagwort versehen. Das Ganze ist farblich unaufdringlich genug gelöst, um nicht zu sehr vom Lesefluss abzulenken, ist aber wirklich hilfreich, um sich nochmal einen Überblick zu verschaffen, worum es gerade ging oder um bestimmte Passagen wiederzufinden. Einmal mehr beide Daumen hoch für den Verlag Hermann Schmidt für überaus gelungene Buchgestaltung!
Fazit
Unter dem Strich ein Buch, das ich jedem (angehenden) Designer ans Herz legen kann, der bereit ist, einmal über das „was“ seiner Arbeit hinauszuschauen und über das „wie“ nachzudenken. Wer schon lange in der Branche tätig ist, wird naturgemäß vermutlich weniger Neues entdecken, als der Student oder Berufseinsteiger – schon allein deshalb, weil ersterer vieles von dem, wovor Berzbach warnt, vermutlich schon am eigenen Leib erlebt und die entsprechenden Lehren daraus gezogen hat. Aber ganz egal, wie viel konkretes „Wissen“ man letztendlich aus diesem Buch zieht, das Entscheidende ist, dass es zur Reflektion über die eigenen Denk– und Arbeitsweisen anregt – und das kann niemandem schaden, egal ob Student oder „alter Hase“. Absolut lesenswert!




























5 Kommentare
30. August 2011 22:11
José Ernesto Rodríguez @87blog
Hab gerade meine Grafik Design Ausbildung abgeschlossen und denke gefühlte 24 Stunden am Tag nur noch über meine Zukunft als Gestalter nach… ich glaub ich werd mir das Buch dann doch noch anschauen müssen, hatte bei der Erscheinung ebenfalls ein paar Negative Bewertung gelesen und mir lieber das Geld gespart. Nach deiner Rezension bin ich jedoch wieder ziemlich neugierig geworden und werde mir das Buch bei nächster Gelegenheit zulegen. Hoffentlich legt sich dann meine Unsicherheit ein bisschen… ;)
August 31 2011 00:05 am
Peter Rudolph
Also ich fand die Investition wirklich sinnvoll, lass es mich wissen, wie du es fandest wenn du es dir anschaffst!
30. August 2011 23:20
Harle @87blog
Sehr gut geschrieben, fehlt nur noch der Amazon Link und eine Preisangabe :)
August 30 2011 23:38 pm
Peter Rudolph
Wer genau hinschaut, findet eine Verlinkung im ersten Absatz. Abgesehen davon bin ich eigentlich ganz zuversichtlich, dass jeder 87-Leser in der Lage ist, sich die Preisinformationen beim Händler seines Vertrauens selbst einzuholen ;)
4. September 2011 17:31
Julia @juliartwork
Ich hab das Buch jetzt schon eine ganze Weile in meinem Bücherregal stehen — ungelesen wohlgemerkt, da ich bisher einfach noch nicht die Zeit gefunden habe… und da ich gerade hier gelesen hab, dass die Zeit bzw. Zeitmanagement in dem Buch eine große Rolle spielt, ist das ja auf jeden Fall schonmal ein Ansporn endlich die „Zeit zum lesen“ dafür zu finden :-)
Tolle Rezension — ebenso ein Ansporn, nun endlich damit anzufangen…
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