30 Jan 2011, Geschrieben von Rene Haas in Inspiration,Meinung, 3 Kommentare
Schönheit vs. Ästhetik: Eine subjektive Betrachtung
Mal ehrlich – wer denkt nicht sofort an etwas „schönes“, wenn er das Wort „Ästhetik“ hört – und umgekehrt?! Zugegebenermaßen habe ich für eine ganze Weile die gleiche Ansicht gehabt. Etwas, das ich als „ästhetisch“ empfand, war also auch zugleich etwas „schönes“. Durch verschiedene Ereignisse, die in der letzter Zeit in meinem Leben passiert sind, kam ich unter anderem auf das Thema zurück und habe mir zum ersten mal wirklich Gedanken über die (subjektive) Bedeutung der beiden Wörter gemacht. Dieser Artikel hat also in erster Linie nichts mit Gestaltung, Design oder Fotografie zu tun, aber ich denke, dass ein erweitertes Verständnis und vor allem die Auseinandersetzung mit diesem Thema, so manchem Gestalter bei der Arbeit helfen kann – mir erging es jedenfalls so.
Prolog
Theoretisch hatte ich mir vorgenommen, hier keine Dinge aus meinem Privatleben zu posten, aber bei einer subjektiven und damit zwangsläufig persönlichen Stellungnahme ist es wohl unumgänglich, ein wenig aus dem Nähkästchen zu plaudern, um euch den Hintergrund meiner Überlegungen etwas klarer zu machen. Wen allerdings die Vorgeschichte nicht interessiert, der kann diesen Abschnitt gerne überspringen.
Alles begann kurz vor Weihnachten und damit, dass meine letzte Beziehung zerbrochen ist. Jeder wird dieses Gefühl kennen, wenn man über sich selbst, seine Fehler, seine Angewohnheiten etc nachdenkt und sich innerlich einen Spiegel vorhält. Ich habe also in letzter Zeit viel über mich selbst nachgedacht und immer wieder kam in mir der Satz auf: „Eigentlich war die Beziehung doch ganz schön, also warum …?“. Da haben wir es, eines der Wörter, um die es sich in diesem Artikel drehen wird, ein Wort, das mehr bedeutet als nur ein flüchtiges Gefühl oder einen kurzen aber guten Moment. Natürlich muss man in einer solchen Situation sein Leben weiter leben und so fuhr ich zum 4. Berliner Photoshop Treff, um neue Leute kennen zu lernen, um alte Gesichter wieder zu sehen und um Andere, die ich bisher nur aus dem Netz kannte, persönlich kennen zu lernen. Genau hier kam ich dann in die Situation, die diesen Post heute inspiriert hat: Peter und ich saßen im Starbucks am Alexanderplatz, wo wir uns mit einer Bekannten verabredet hatten und genossen unseren Caramell Machiatto. Kurze Zeit später fanden wir beide uns mit Sina und ihrem Lebensgefährten in einer Diskussion über Fotografen und ihre Bildstile wieder und mir fiel, was eigentlich nur selten vorkommt, mal kein schlüssiges Argument ein, warum ich einen gewissen Bildstil nicht als „schön“ bezeichnen würde. Mir fiel es schwer, da mir kein passendes Wort einfiel, um zu beschreiben, dass ich diesen Bildstil zwar durchaus ganz „schick“, aber eben nicht schön finde! Das Thema beschäftigte mich noch einige Tage und so kam ich zu meinem persönlichen Schluss, dass „schick“ nicht mit „schön“ gleichzusetzen ist.
Ästhetik – Das schmeichelhafte Unbekannte
Wie ich schon angesprochen habe, unterscheide ich zwischen schön und ästhetisch, doch was ist nun in meinen Augen eigentlich die Ästhetik? Vor kurzem habe ich einem bekannten mal versucht diesen Unterschied so zu veranschaulichen: „Eine hübsche, unbekannte Frau ist zum Beispiel ästhetisch“. Um genauer zu sein ist für mich Ästhetik alles, was mich optisch, akustisch oder haptisch anspricht aber mit dem ich keine direkte Verbindung eingehe bzw. erfahre. Ein weiteres guten Beispiel hierfür ist der Ausblick von meinem Balkon. Hier schaue ich auf 8 Einfamilien-Reihenhäuser, die zusammen ein grafisch interessantes Muster bilden. Dieser Anblick schmeichelt mir optisch, aber ich habe nichts weiter mit ihm zu tun, er berührt mich nicht persönlich. Weiter gesagt könnte man den Begriff der Ästhetik auch durch „leicht verdaulich“ ersetzen. Was ästhetisch anmutet, fällt meistens nicht auf, stört nicht und drängt sich nicht mit Emotionen auf.
Schönheit – Die Vernetzung aller Sinne
Nachdem ich nun kurz versucht habe meine Ansicht zum Thema Ästhetik zu verdeutlichen, möchte ich mich nun dem Begriff der Schönheit widmen. Wie bei der Ästhetik stellt sich auch hier die Frage: „Was ist eigentlich Schönheit für mich?“. Um das vorangegangene Beispiel mit der unbekannten Frau aufzugreifen: „Schön wird diese Frau mit der Geschichte, die sie dir erzählt!“. Anders ausgedrückt: Aus etwas ästhetischem wird etwas schönes, wenn es mit dir in Verbindung tritt. Auf die Fotografie oder Gestaltung übertragen könnte man sagen: „Es gibt Bilder, die schön anzusehen sind – aber mehr auch nicht. Diese Bilder sind meistens gut bearbeitet, gut ausgeleuchtet und auch sonst passt eigentlich alles. Aber ihr Motiv, ihre (falls überhaupt vorhandene) Aussage ist für mich nicht erkenntlich oder relevant. Wie schon bei der Ästhetik lässt sich der Begriff der Schönheit hier auch näher klassifizieren. So ist für mich die Schönheit ein komplexes Gemisch aus Stoffen der Ästhetik, Emotionen und der eigenen Erfahrung, während die Ästhetik, meiner Meinung nach, ausschließlich einen soziokulturellen Hintergrund aufweist.
Beispiele:
Ich denke es ist ziemlich schwer, diesen Unterschied rein textlich zu beschreiben, ohne ein komplettes Buch darüber zu verfassen. Deshalb möchte ich hier einige (für mich) ästhetische und schöne Bildbeispiele aufzeigen und anhand dieser Bilder mein jeweiliges Empfinden verdeutlichen.
Barbie — Calvin Hollywood | Ästhetik
Das Bild, das ich als erstes Beispiel gewählt habe, ist von Calvin Hollywood. An diesem Werk lässt sich meiner Meinung nach ganz gut aufzeigen, was ich meine. Wir sehen ein gutes Bild. Die Ausleuchtung ist top und an der Bildbearbeitung gibt es auch nichts zu bemängeln. Doch was verbinde ich mit diesem Bild und was will es mir sagen? Meiner Meinung nach – nichts. Auf dem Bild sehen wir eine Person vor einem Hintergrund und das ganze versehen mit einem ziemlich simplen Titel. Wird hier irgendetwas angesprochen, was mich innerlich berührt, was mich zum nachdenken oder zur Reflektion anregt? Nicht wirklich – und sofern der Fotograf eine Bildaussage in dieses Bild stecken wollte, so kommt diese nicht bei mir an. Es bleibt bei einem flüchtigen: „Sieht gut aus!“, kommt aber über diesen Status nicht hinaus. Es weckt keinerlei Emotionen in mir und lässt mich innerlich kalt.
Passive — Brandon Huang | Schönheit
Das nächste Bild ist von Brandon Huang und trägt den Titel „passive“. Dieses Bild spricht mich einfach an. Es verheimlicht, zeigt nicht alles und bringt den Betrachter somit in einen Konflikt (gewollt?). Wenn man sich dieses Werk anschaut, muss man automatisch darüber nachdenken. Mein erster Gedanke war: „Warum sitzt dieser Mensch auf dem Waldboden? Wer ist diese Person und was hat es mit diesen Blättern auf sich?“. Man merkt, wie ich mich mit diesem Bild, auf einer emotionalen Ebene, auseinander setze. In dem Bild erkenne ich keine großartige Bildbearbeitung und allgemein sieht es sehr spontan entstanden aus. Als würde hinter diesem Bild eher ein Gefühl, als ein Konzept stehen. Darüber hinaus weckt es in mir gleich zwei Gefühle: Einmal das Gefühl von Einsamkeit, auf der anderen Seite sehe ich diesem Bild aber auch eine gewisse Hoffnung. Diese kleinen Sprösslinge, die zwischen den Blättern aufkeimen, unterstreichen dieses Gefühl ganz gut.
Surprise — Sylvain Latouche | Schönheit
Bei diesem Beispiel handelt es sich bewusst um KEINE Peoplefotografie sondern um ein Still von Slvain Latouche. Was wir sehen ist eigentlich nicht viel, doch was sehe ich in diesem Bild? Das erste was ich getan habe, als ich dieses Bild entdeckte, war lächeln. Es erinnert mich an eine schöne Geste und an eine bestimmtes Szenario: Ein frisch verliebtes Paar, er ist vor ihr aufgewacht und hat ihr, vielleicht zu einem besonderen Anlass, ein Sektfrühstück ans Bett gebracht. Es ist ein sonniger Tag im Herbst und die letzten Sonnenstrahlen zaubern eine warme Lichtstimmung.
Genau DAS ist es, was dieses Bild für mich ausmacht – nicht mehr aber auch nicht weniger. Dieses Gefühl macht dieses Bild zu einem, für mich, außerordentlich schönen Werk. Simpel aber eindrucksvoll.
The Silence — Rene Haas | Ästhetik
Am Ende der Beispiele möchte ich noch ein Bild von mir selbst posten. Sicherlich ist es mein Bestreben, stets eine Message in das Bild einfließen zu lassen, aber nicht immer ist diese Message für jeden ersichtlich. Für mich persönlich empfinde ich dieses Bild als schön, da ich weiß wann, wo und wie es entstanden ist, wie ich mich dafür fast in den Dreck gelegt habe und mein Canon 70–200 2.8 L USM dafür fast im See verschwunden wäre. Nun würde ich aber objektiv betrachtet, ohne diesen emotionalen Bezug, dieses Bild nicht als schön, sondern als ästhetisch einstufen wollen. Ein Betrachter sieht nur diese kleine Schilfplfanze die vor dem See geschossen worden ist, sieht die Linien und den Hintergund – aber wird er zum nachdenken angeregt oder weckt es in ihm eine bestimmte Emotion? Ich glaube zwar, dass die Mehrheit bei der Betrachtung des Bildes ein positives Gefühl haben wird. Immerhin strahlt dieses Bild eine gewisse Ruhe aus – aber meiner Meinung nach war es das dann auch. Es vermittelt nichts, was aus einem ästhetischen ein schönes Bild machen würde.
Fazit
Nach einem relativ ausführlichen Artikel möchte ich mich mit dem Abschluss zurückhalten. Ich hoffe einfach, den ein oder anderen dazu anregen zu können, etwas mehr über Schönheit, Ästhetik und Co. nachzudenken. Vielleicht habt ihr eine gänzlich andere Ansicht als ich, vielleicht sagt ihr nach wie vor: „Schönheit und Ästhetik sind für mich das selbe, der labert aber einen Stuss!“. Da dieser Beitrag natürlich keinerlei Anspruch auf Richtig– oder gar Falzifizierbarkeit hat, ist es jedem selbst überlassen, sich dieser Überlegung anzuschließen, sie abzulehnen oder eventuell weiter auszubauen. Die Kommentare stehen euch dafür offen!



















3 Kommentare
14. Februar 2011 22:11
Latouche Sylvain @sylvainlatouche
Cool article! Thank you for the reference to my picture! ;)
24. Februar 2011 23:52
Calvin @87blog
LOL
Wo hast du mein Bild her?
Hattest mich gar nicht gefragt :-)
lg Calvin
February 27 2011 13:48 pm
Rene Haas @87blog
Bei Flickr, da gibt's ne Option wo man festlegen kann ob Bilder von Dritten in deren Blogs eingebunden werden dürfen :).
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