13 Dez 2010, Geschrieben von Rene Haas in Gestaltung, 3 Kommentare
How to Design – Grundlagen
Vor einiger Zeit haben wir euch darum gebeten uns mitzuteilen, welche Themen ihr bei uns gerne einmal lesen würdet und darunter waren sehr viele Anfragen zum Thema „Gestaltungsgrundlagen“. Diese kleine Serie ist daher direkt unseren Lesern gewidmet.
Jeder fängt mal klein an und so ist auch noch kein kreativer vom Himmel gefallen und konnte von Anfang an das, was er heute kann. Bei dem Wort Design denken viele an die Ästhetik, eben an schöne Dinge, die „gut“ aussehen. Jedoch beinhaltet die visuelle Gestaltung weitaus mehr als nur die ästhetische Umsetzung. Es sind wichtige Regeln zu beachten, wenn es an die Gestaltung geht. Im ersten Teil wollen wir jedoch nicht auf die Ideenfindung eingehen, diese wird in einem späteren Beitrag behandelt. In diesem Artikel geht es um die fundamentalen Grundlagen — um die Gestaltgesetze.
Gestaltgesetze
Natürlich gibt es eine einigermaßen offizielle Erklärung darüber, was Gestaltgesetze sind, aber nachdem ich mir gerade selbst noch einmal die Erklärung durchgelesen habe, erspar ich euch das Gesülze und versuche das mal zu vereinfachen. Der Mensch möchte in Mustern denken, das heißt, unser Gehirn ist stets auf der Suche nach Zusammenhängen und Mustern. Wir versuchen Objekte zu kategorisieren, um sie entsprechend einzuordnen. Genau hier treten die Gestaltgesetze in Kraft und zeigen uns auf, wie unser Gehirn dabei vorgeht. Unten haben wir die wichtigsten Gesetze für die visuelle Gestaltung einmal anhand von Beispielen aufgezeigt. Man beachte, dass es vor allem für Bewegtbilder noch einige Ergänzungen gibt, die hier nicht aufgeführt sind. Bevor wir mit den einzelnen Gesetzen beginnen, sollte gesagt werden, dass nur sehr selten ein einzelnes Gesetz in der Gestaltung zum Tragen kommt, sondern meistens mehrere gleichzeitig bestimmt werden können.
Figur-Grund-Beziehung
Die Erste, und wenn nicht sogar die wichtigste der Gestaltungsregeln ist, die Figur-Grund-Beziehung (FGB). Diese Beziehung besagt, dass Objekte sich unabhängig von ihrem Hintergrund wahrnehmen lassen und der Mensch viel mehr in „wichtig“ und „unwichtig“ differenziert. Hier spielen mehrere Faktoren eine Rolle. So werden kleinere geformte Objekte bevorzugt als Figur, große formlose Objekte hingegen als Grund, wahrgenommen. In der FGB unterscheidet man zwischen stabiler und instabiler Beziehung. Stabile Beziehungen sind in diesem Zusammenhang alle eindeutig vom Grund unterscheidbaren Objekte während instabile Beziehungen oft eine Doppeldeutigkeit in ihrer FGB aufweisen. Ein bekanntes Beispiel für eine instabile FGB ist die oben gezeigte Rubinsche Vase. Hier kann der Betrachter zwei unterschiedliche Motive wahrnehmen, jedoch nicht gleichzeitig. Zum einen eine Vase und zum anderen zwei Gesichter
die sich anblicken. Ein sehr schönes fotografisches Beispiel sehr ihr hier: 
Das Gesetz der Nähe
Das Gesetz der Nähe beschreibt, dass Objekte mit wenig Abstand als zusammengehörig wahrgenommen und somit als Gruppierung angesehen werden. Ein nettes Beispiel ist hier das Betrachten eines großen Mehrfamilienhauses, wo alle Fenster recht nahe beieinander liegen. Hier nimmt unser Gehirn nicht jedes Fenster für sich war, sondern wir sehen diese Fenster als Gruppe.
Gesetz der Geschlossenheit
Unsere Wahrnehmung nimmt Objekte, die sich in einem geschlossenen Sektor aufhalten, als zusammengehörig wahr. Dieses Gesetz ist ein recht dominantes Gestaltgesetz und übertrifft in seiner Wirkung das eher rezessive Gestaltgesetz der Nähe. So ist es nicht nötig (aber dennoch möglich), Objekte in einem geschlossenen Raum mit dem Gesetz der Nähe oder der Ähnlichkeit zu gestalten, da die dominante Wirkung der Geschlossenheit die beiden anderen Prinzipien in Ihrer Wirkung übertrifft. Wie schon beschrieben, kann man diese Gestaltgesetze dennoch zur Unterstützung der Gesamtheit einsetzen.
Gesetz der Ähnlichkeit
Weisen mehrere Objekte gleiche Attribute wie Tonwert, Größe und/oder Ausrichtung auf, so werden sie als zusammengehörig angesehen. Dieses Gesetz kann vor allem mir dem vorher vorgestellten Gesetz der Nähe konkurrieren, wenn sich z.B. der Abstand zwischen den einzelnen Objekten erhöht. Andererseits kann ein geringerer Abstand dem Gesetz der Ähnlichkeit zugutekommen und unterstützend wirken. Als Beispiel soll uns auch hier wieder ein großes Mehrfamilienhaus, genauer gesagt dessen Fenster, dienen. Wir erkennen alle Fenster als zusammengehörig, da sie in den meisten Fällen dieselbe Größe und/oder dieselbe Form besitzen. Wenn wir uns aber die Fenster einmal einzeln betrachten, wird uns auffallen, dass sich die Fenster jedoch durch Querbalken, Vorhänge oder andere Details voneinander Unterscheiden — dies ändert jedoch nichts daran, dass wir sie als Gruppe wahrnehmen.
Gesetz der Prägnanz
Auch bekannt unter dem Namen „Prägnanzgesetz“, bezeichnet diese Gestaltungsregel, dass Objekte, die sich von anderen in ihrer direkten Umgebung unterscheiden, bevorzugt wahrgenommen werden. So wird in einer Gruppe voller Kreise derjenige zuerst wahrgenommen, der sich am meisten von den anderen unterscheidet. Dies kann durch eine Einfärbung, eine Größenänderung oder gar durch eine gänzlich andere Form erzeugt werden. Zu unserem Beispielhaus: Hier könnte man zum Beispiel Aufmerksamkeit erzeugen, indem man in einem der Zimmer das Licht einschaltet oder knallige Vorhänge hinter den Fenstern platziert, wenn alle anderen nur weiße bzw. gar keine Vorhänge vorweisen.
Gesetz der Erfahrung
Das Gesetz der Erfahrung ist eines der komplizierteren Gesetze in der Gestaltung. Hier muss man als Kreativer Vorsicht walten lassen und wissen, wo und vor allem wer die Gestaltung sieht. So erkennt der normal gebildete Europäer die oben gezeigten 3 Linien auf Anhieb als ein E — Analphabeten oder Angehörige eines anderen Kulturkreises mit anderen Schriftzeichen (kyrillische, arabische und asiatische Schriftzeichen) werden jedoch Probleme haben, da sie sich an die Grundform eines E nicht gewöhnt haben.
Gesetz der durchgehenden Linien
Unsere Wahrnehmung geht bei der Erfassung von Linien grundsätzlich davon aus, dass sie einem bestimmten Weg folgen. Dieser Weg ist stets der einfachste aller Möglichkeiten. So sehen wir die zwei oben gezeigten Linien nicht als Linien an, die in einem scharfen Winkel abbiegen, sondern als zwei Linien, die einander kreuzen und ihren bisherigen Weg geradlinig fortsetzen. Dieses Gestaltgesetz wirkt auch bei einer Unterbrechung der Linien. Unser Gehirn vervollständigt fehlende Abschnitte. Besonders gerne wird dieses Gesetz angewandt, um den Betrachter in eine bestimmte Richtung zu weisen. So ist es z.B. möglich, bei einem Brief, Flyer oder ähnlichem eine Linie in der unteren Ecke anzudeuten und diese am oberen, entgegengesetzten Ende weiterzuführen und den Mittelteil der Linie wegzulassen. Unser Gehirn erkennt dieses Muster und wird die Line vervollständigen und im besten Falle die Augen des Betrachters an ihr entlang führen.
Gesetz der einfachen Gestalt
Im Gesetz der einfachen Gestalt geht es nicht etwa um eine Designrichtung wie etwa dem „Minimalismus“, sondern es geht viel mehr darum, dass unsere Wahrnehmung dazu neigt, komplexe Formen in ihre Grundfiguren aufzuspalten. So sehen wir im oben genannten Beispiel kein Quadrat, das in einem bestimmten Winkel in eine Rundung übergeht, sondern ein Quadrat und einen Kreis die vor– oder hintereinanderliegen. Dieses Gestaltgesetz kann man wunderbar selbst ausprobieren, indem man einfach Objekte etwas unscharf betrachtet. Man wird bemerken, dass Dächer als Rechtecke, ein Hocker als Quadrat oder der Monitor als ein waagerecht liegendes Rechteck, das auf einem senkrecht stehenden Rechteck steht, welches wiederum auf einen Kreis ruht — das kann bei euch natürlich je nach Objektbeschaffenheit variieren.
Fazit
Sicher gibt es noch einige andere Gestaltgesetze (über 100), dennoch bilden die oben genannten Prinzipien den Grundstamm und haben sich nun seit mehr als 100 Jahren etabliert (als formuliertes „Gesetz“, als Wahrnehmungprozess existieren sie natürlich schon seit grauer Vorzeit). Auch wenn wir hier von Gestaltgesetzen sprechen, solltet ihr im Hinterkopf behalten, dass diese natürlich auch gebrochen werden können. Jedoch sollte das nicht wahllos geschehen, sondern immer in der Hinsicht, dass der gewünschte Gesamtausdruck des Gestaltungsprodukts erhalten bleibt.
























3 Kommentare
14. Dezember 2010 08:39
CMDVisuals @CMDVisuals
Ausgezeichnet — ein Artikel wie mir direkt auf den Leib geschneidert.
Ich muss allerdings gestehen, dass ich das E beim Gesetz der Erfahrung nicht erkannt hätte. Höchstens im Zusammenhang mit anderen Buchstaben :-)
Frohe Weihnachten ;-)
14. Dezember 2010 18:18
Davis Tox @87blog
Wieder ein guter und informativer Artikel! dazu noch sehr verständlich geschrieben sodass sogar Anfänger… denke ich dem Text und seinem Inhalt gut folgen können.
Das wichtigste ist sehr gut herausgearbeitet und anschaulich dargestellt, sodass unwichtiger Inhalt keinen Platz für eine Denkblockade lässt.
Jungs, ihr habt mich wieder einmal ein Stück weiter nach vorn gebracht….macht weiter so…
LG der Tox
14. Dezember 2010 19:56
Martin mertens
Erinnert mich am ein gutes Buch was ich hier liegen hab. Insgesamt gut zusammengefasst. Bin gespannt wie die Reihe Fortgesetzt wird.
Gruss
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