14 Jul 2010, Geschrieben von Rene Haas in Gestaltung, 10 Kommentare
Kreativlöcher - die dunkle Seite der Macht
Wer sich kreativ beschäftigt, ob in seiner Freizeit oder im Beruf, der wird folgendes Phänomen kennen und fürchten. Kreativlöcher kommen ohne Vorwarnung und nisten sich manchmal über Wochen lang bei einem ein. Wir wollen in diesem Artikel diese fürchterlichen Dinger mal etwas genauer beleuchten und zeigen, wie man am besten wieder aus ihnen raus kommt.
Die Ursachen
Kreative Löcher können vielerlei Ursachen haben, meist sind sie jedoch psychisch bedingt. So spielen Umfeld, Erwartungsdruck, Stress und Co eine große Rolle bei der Entstehung dieser Down-Phasen und können unter Umständen sogar dazu führen, dass man sich in diesen Tiefphasen dauerhaft verheddert. Um präventiv schon etwas gegen dieses kreative Burn-out zu unternehmen, sollte man die häufigsten Auslöser kennen und wissen, wie man dieses Kliff umschifft — deshalb hier eine Auflistung der häufigsten Auslöser für kreative Löcher. Aber was sind kreative Löcher nun eigentlich? Im Groben kann man sie als Denkblockaden ansehen, da sie uns aufgrund verschiedener Aspekte vom kreativen Prozess abhalten.
Stress
Ob kreativ im Beruf oder als Hobby, wir alle sind irgendwo Stress ausgesetzt. Das kann körperlichen Stress, bedingt durch eine Erkrankung, oder psychischen Stress bedeuten. Die heutige Welt geht rasant voran und jeder, der nicht mithalten kann, der wird gnadenlos hinter dem Pferd hergeschleift. Stress verbirgt sich hinter alltäglichen Dingen und viele, auch ich zähle mich dazu, merken heute gar nicht mehr, WIE und WANN sie eigentlich unter Stress stehen. So können Instantmessaging, Twitter, Facebook und Co durch ihre Präsenz genauso Stress auslösend wirken, wie ein noch unfertiger Auftrag — fünf Minuten vor der Deadline! Aber auch familiäre Probleme, Streit in der Partnerschaft oder auch ein angespanntes Arbeitsklima können Stress fördern.
Kritik
Viele werden von sich behaupten das sie mit objektiver Kritik gut umgehen können, aber auch wenn das bei dem ein oder anderen stimmen mag, so kennt jeder das Gefühl, wenn ein Bild, welches man selbst als wirklich gelungen ansieht, mit negativer Kritik bombardiert wird. Man fühlt sich schlecht, ist manchmal auch wütend und fängt an darüber nachzudenken, ob man nicht einfach zu schlecht ist. Ich empfinde Kritik als wichtiges Mittel um sich zu verbessern, aber man sollte sich vor Augen halten, dass unangebrachte Kritik die häufigste Ursache für eine kreative Blockade sind — und dementsprechend distanziert mit ihr umgehen.
Leistungsdruck
Egal ob man im Job auf Knopfdruck gute Leistung erbringen muss oder ob man privat immer seinem „besten“ Werk hinterher jagt — der Effekt bleibt der gleiche. Wir möchten hier grob in zwei Kategorien einteilen. Einmal der Leistungsdruck, der entsteht, wenn man im Büro, innerhalb kurzer Zeit, eine gute Arbeit abliefern muss und dem Druck, dem man sich privat aussetzt, indem man stets versucht, sein bestes Bild zu toppen oder allgemein an frühere Leistungen heran zu kommen.
Die Gegenmaßnahmen
Ob auf dem militärischen oder dem kreativen Schlachtfeld, es gibt zwei Wege, mit einer Blockade umzugehen. Entweder man sitzt sie aus, was bei einer kreativen Blockade wohl kein Problem sein sollte, oder man wählt den aggressiven Weg und durchbricht sie. Wie man nun mit diesen Blockaden am besten umgeht, hängt stark von der individuellen Persönlichkeit ab. Meiner Meinung nach bringt aber ein aggressiver Umgang mit kreativen Löchern eher das Gegenteil und so möchte ich hier auch eher den sanften und meiner Meinung nach erfolgversprechenderen Weg vorstellen.
Stress beseitigen
Macht euch eine Liste und schreibt auf, welche Dinge euch gerade tierisch auf die Nerven gehen, und arbeitet diese ab. Sagt eurem Chef, was euch stört, aber bitte bleibt dabei freundlich, sagt eurem Partner / eurer Partnerin, was euch auf die Palme bringt, und sprecht offen darüber. Der wichtigere Punkt ist aber wohl, die unbekannten Stressquellen auszuschalten. Behaltet euren Körper im Auge und beobachtet, wann z.B. euer Puls in die Höhe steigt oder ihr euch dabei ertappt, dass ihr gerade nicht mehr wisst, was ihr eben noch machen wolltet. Das alles können Anzeichen für Stress sein. Bei mir habe ich bemerkt, dass ich mich selbst total unter Stress setze, wenn ich meine Instant Messenger und Dienste wie Facebook und Twitter nutze. Da gibt es nur eins — und zwar gnadenlos abschalten. Schon nach kurzer Zeit habe ich bemerkt, dass ich viel entspannter und produktiver bin, wenn mir nicht jede Minute 3–4 Leute ins Ohr zwitschern oder mich im ICQ/MSN anschreiben und mit belanglosem Smalltalk zutexten. Schaut nach Quellen, die bei euch Stress verursachen. Die Quellen für unterbewussten Stress können sehr vielseitig sein.
Der richtige Umgang mit Kritik
Jeder kann und darf Kritik üben und man sollte lernen, damit klarzukommen. Euer Werk muss in erster Linie nur 2 Leuten gefallen (meistens sogar nur einem) und das seid ihr selbst und gegebenenfalls euer Kunde. Wie schnell Kritik umschlagen kann, hat mir folgendes Zitat von Calvin Hollywood gezeigt. Am Anfang wurde Calvin scheinbar wegen seiner ausgefressenen Spitzlichter, die ihn heute schon fast auszeichnen, kritisiert. Er wollte diese Spitzlichter aber ganz bewusst und sie haben ihm gefallen und so hat er sie auch weiterhin eingesetzt — heute ist Calvin einer der bekanntesten Photoshopkünstler Deutschlands, ausgefressene Lichter hin oder her. Wir lernen daraus, dass wir einfach dem folgen sollten, was uns selbst gefällt. Wir können es nie allen recht machen und sollten das auch gar nicht erst versuchen. Ich gehe mit Kritik heute sehr analytisch um. Ich lese sie und stelle mir vor, wie mein Werk aussehen würde, wenn ich die Kritikpunkte einbeziehe. Wenn es mir gefällt, bedanke ich mich und versuche mir das beim nächsten Werk vor Augen zu führen. Wenn ich aber denke, dass meine Arbeit dadurch verfälscht würde, ignoriere ich diese Kritik und schreibe sie als Geschmackssache ab, statt mich davon belasten zu lassen.
Umgang mit Leistungsdruck
Wenn die Deadline zum Greifen nah ist, ist es bereits zu spät. Viele Agenturen und Freelancer unterschätzen den Zeitaufwand eines Projekts gerne einmal. Vor allem bei komplexen Aufträgen gibt es verstecke Stolperfallen die, sinnvoll oder sinnlos sei dahin gestellt, Zeit verschlingen und einen dann in Bedrängnis bringen. Was dann hilft, ist meistens ein netter und zuvorkommender Anruf beim Kunden. Mit zuvorkommend meine ich übrigens VOR der Deadline. Sollte man sich bei der Planung eines Auftrages verschätzt haben oder sollten bestimmte Vorgänge einfach länger dauern als üblich, sollte man umgehend dem Kunden bescheid geben. Die direkte Kundenkommunikation, auch bei auftretenden Problemen, hat sich bei mir als der beste Weg herausgestellt. Die Mehrheit der Auftraggeber hat dafür Verständnis, wenn man offen und ehrlich über auftretende Komplikationen spricht und möchte einfach nur früh genug über etwaige Verzögerungen bescheid wissen. Also anrufen, sobald sich eventuelle Verspätungen ankündigen und nicht erst, wenn es zu spät ist.
Beim „Privatanwender“, der keinen direkten Druck durch einen Auftraggeber hat, liegt das Problem meistens im Nacheifern einer zuvor erreichten Qualität seiner Arbeit. Alle neuen Werke werden mit dieser Referenz abgeglichen und deshalb oftmals vorschnell für untauglich befunden. Viel wichtiger ist aber der eigene Eindruck, den das Werk hinterlässt, in den meisten Fällen können zwei Arbeiten eben nicht direkt miteinander verglichen werden. Jedes Projekt sollte also individuell behandelt werden — Vergleiche sollten wir der Wissenschaft und den Technikmagazinen überlassen. Wohl niemand wird es schaffen können, sich mit jeder Arbeit selbst zu übertreffen — also sollte man sich mit dem Versuch auch gar nicht erst unter Druck setzen.
Auszeit nehmen
Zu guter Letzt der wichtigste Tipp — macht den Rechner aus, nehmt euch ein Buch, macht Sport oder geht spazieren. Lasst die kreative Arbeit einfach mal hinter euch und versucht, etwas Abstand zu gewinnen. Schlagt neue Wege ein und versucht euch mit ungewohnten Dingen zu beschäftigen. Nehmt einen anderen Weg zur Arbeit, beschäftigt euch mit neuen Themengebieten. Das Schlimmste was man machen kann, ist die immer gleiche eingefahrene Routine beizubehalten. Ein oder zwei Tage Auszeit können schon einiges verändern und dafür sorgend, dass die Ideen wieder sprudeln.
Fazit
Kreativlöcher kommen und gehen und keiner ist vor ihnen sicher. Die Kunst liegt darin, sich nicht zu sehr mit ihnen selbst zu beschäftigen und über sie zu ärgern, sondern diese Phase, so verflixt es auch sein mag, einfach hinzunehmen. Also wenn das nächste Loch naht — Stift und Papier zur Seite legen, Computer ausschalten und entspannen oder sich komplett anderen Aufgaben zuwenden. Entspannung und Ablenkung ist hier sowieso das beste Mittel.
Wie geht ihr mit Kreativlöchern um? Habt ihr eigene Tipps und Tricks, die ihr dabei anwendet? Wie häufig verfallt ihr in ein solches Loch? Gab es eines das besonders hartnäckig war?
















10 Kommentare
14. Juli 2010 17:19
Jack Senn @jacksenn
Hallo ihr Beiden!
Wieder mal ein sehr lesenswerter Beitrag.
Hilft auch mir ;)
LG Jacksenn
14. Juli 2010 17:42
Cornelius Unbehaun @PhotoUnbehaun
Da habt ihr wiedermal einen tollen Beitrag rausgehauen !!
Bitte weiter so .. ;D
lg Cornelius
14. Juli 2010 18:11
Davis Tox @DavisTox
Wie Cornelius schon sagt… Super Beitrag! und sehr Hilfreich…
Prädikat: Wertvoll
Lg Davis
14. Juli 2010 19:50
Kategraphy @Kategraphy
Huhu,
dazu hatte ich vor ein paar Tagen auch einen Beitrag :D Ich nehme mir ein Kissen und schrei da einfach mal richig rein.
Außerdem hilft Ablenkung! Und dann lenke ich langsam die Gedanken wieder in die richtige Richtung indem ich meinen Inspirations-Order auf der Platte und ein paar gute Blogs und Galerien anschaue.
Hat bei mir immer geklappt und so habe ich das Brett vorm Kopf wegbekommen — bisher immer innerhalb weniger Stunden, im schlimmsten Fall mal ein paar Tage!
LG Kate
July 21 2010 14:33 pm
Rene Haas @87blog
Innerhalb weniger Stunden? Das scheint mir ja eine regelrechte Wunderstrategie zu sein. Bei mir dauern solche Löcher meistens 2-3 Wochen :).
Ich werde es mal ausprobieren :)
15. Juli 2010 10:33
Julian @harmonisierend
ich finde ein gutes Mittel um Stress von vorneherein vorzubeugen ist autogenes Training!
einfachmal 20 minuten einplanen am Tag, geht auch schön, wenn man einfach früher aufsteht, weil danach ist man erholter, als hätte man die 20 min mehr Schlaf gehabt!
Das jeden Morgen, und der Tag kann ohne Stress anfangen!
July 21 2010 14:35 pm
Rene Haas @87blog
Autogenes Training klingt interessant, habe ich selbst aber noch nicht ausprobiert. Was ich gerne nutze um mich mal wirklich zu entspannen sind angeleitete Meditationen. Ich glaube zwar nicht das ich eine höhere Erleuchtung erhalte, aber danach ist man wirklich entspannt und kann weiter arbeiten.
Danke für den Tipp :)
15. Juli 2010 12:28
Ben @87blog
Schöner Artikel, denke darin finden sich viele wieder.
Gut, dass ihr über das Thema schreibt, vllt. werden bei dem einen oder anderen so Gedankengänge zum Wandel angestoßen und wenn’s nur der fehlende Ausgleich ist.
Manchmal ist weniger halt einfach mehr und eine ‚kreative‘ Auszeit bringt anschließend mehr Erfolg, als ‚gewaltsames Kreativsein‘. Weiß ich aus erster Hand und habe auch beide Seiten schon oft genug in freier Wildbahn beobachtet.
Leider kann man diese Thematik samt den entsprechenden Lösungsansätzen nicht jedem näherbringen, bevor er den einen oder anderen Systemreset hatte…
Da ich ja nun per Twitter an Bord ben, bin ich schon auf weitere Beiträge an dieser Stelle gespannt ;)
17. Juli 2010 09:34
bee
Sehr schöner Artikel. Mir gefällt, dass ihr das Leben als Ganzes betrachtet und die Fotografie dort mit einordnet, anstatt euch nur darauf zu beschränken.
Das richtig tiefe kreative Loch kenne ich auch, Anfang letzten Jahres war es soweit. Rausgekommen bin ich allerdings auf ganz andrem Weg: Ich hab mir ein Makro-Objektiv gekauft. Weil die Fotografie so anders war als bisher, hatte ich daran richtig Spaß, und die Lust an der „normalen“ Fotografie kam dann auch wieder.
July 19 2010 09:08 am
Ben @87blog
Ja, Makro-Fotografie ist für mich auch Entspannung pur. Stundenlang auf Tuchfühlung mit einer anderen Welt, manchmal bloß ein paar Meter auf den Knien abwandernd. Kann ich richtig drin versinken und wenn dann die DSLR wieder in den Rucksack wandert und es an die Heimwanderung geht, sind die Verhältnisse wieder 'zurechtgerückt'.
(Bevorzugte Touren im Gebirge, aber vor der Haustür gibt's mit Retrokit & Co. auch Neues im Überfluss zu entdecken)
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