04 Jul 2010, Geschrieben von Tino Wehe in Job,Meinung, 2 Kommentare
Bermuda Clients – Jeder kennt sie, keiner will sie
Wer öfter hier vorbeischaut, für den dürfte der Name Tino Wehe mittlerweile schon vertraut klingen. Tino hat mit seinen Gastbeiträgen zum Thema „Typografie in der Fotografie“ und „Brillianz fürs Auge — ein Landschaftslook“ zwei unserer erfolgreichsten Artikel verfasst und unterstützt uns als Entwickler auch bei vielen technischen Fragen. Heute präsentieren wir euch Tinos dritten Gastbeitrag, in dem er wichtige Tipps zum Umgang mit Kunden gibt. Äußerst lesenswert für Freelancer und alle die es werden wollen, aber auch wer nur ab und zu „nebenher“ private Aufträge annimmt, sollte sich diesen Artikel unbedingt zu Herzen nehmen. Wir wünschen viel Spaß, und bei Fragen und Feedback steht Tino natürlich wie immer in den Kommentaren zur Verfügung.
Heute geht es mal um ein etwas unangenehmes, aber dafür um so wichtigeres Thema: Bermuda-Clients, ich weiß nicht, ob es diese „Wortschöpfung“ schon gibt/gab, aber ich nenne sie seit einiger Zeit so.
Ich schreibe hier aus meiner Sicht und mit meinen gemachten Erfahrungen als Freelancer im Bereich ActionScript-Programmierung (also Flash), man kann jedoch fast alles auch auf andere Berufsgruppen umlegen.
Was sind Bermuda–Clients?
Ich glaube jeder Freiberufler kennt sie: Kunden, die einem permantent mit Änderungswünschen im Nacken sitzen (wogegen an sich nichts einzuwenden ist, wenn dadurch nicht das komplette Konzept umgeworfen wird) und die nach dem Auftrag, wenn es um das Bezahlen geht, „verschollen“ sind und auf einmal ewig brauchen um zu antworten.
Wie kann man vorbeugen?
Tja, um ehrlich zu sein relativ wenig. Das einzige, was man machen kann ist im Vorfeld das Angebot und seine AGB so ausdrücklich zu schreiben, dass „Missverständnisse“ einfach nicht mehr möglich sind bzw. ein Missverständnis einfach nicht mehr geltend gemacht werden kann.
Das heißt konkrekt, klärt im Briefing genau ab:
- … was geleistet werden soll.
- … was euer Stundensatz/ Tagessatz ist (unerfahrene Leute sollten auf jeden Fall Festpreise vermeiden, da sie schlecht abgeschätzt werden können).
- … wie der Auftrag erfüllt werden soll (sollen Rohdaten rausgegeben werden oder änhliches).
- … wann einzelne Punkte (Milestones) erfüllt werden sollen.
- … was passiert, wenn hinterher Änderungswünsche auftreten und man entweder in „Nachleistung“ treten müsst oder ob das extra berechnet wird (letzteres ist natürlich der zu bevorzugende Weg, wenn im Vorfeld Punkt 1. komplett geklärt wurde.
- … wer der Ansprechpartner ist und wer dessen Vertretung im Notfall ist.
- … ob ein Grobkonzept vorliegt (falls nicht, schonmal ein schlechtes Zeichen) oder vielleicht sogar ein Feinkonzept (ist wirklich der Optimalfall, macht aber auch sehr viel Arbeit).
- … ob der Kunde schon Content hat, den man nutzen kann, denn so weiß man (grade in der Programmierung), ob man Sonderfälle (die nicht zu den normalen Sonderfällen zählen) beachten und einbeziehen muss.
Ständige Rücksprache!
Ein äußerst wichtiger Punkt ist die ständige Rücksprache mit dem Kunden, damit dieser „live“ eingreifen kann, falls man selbst vom Konzept abzuweichen droht (z.B. aus technischen Gründen) oder wenn der Kunde noch kleine Verbesserungsvorschläge oder Änderungswünsche hat. So kann man nämlich schon während des Arbeitens Fehler vermeiden und sich vollständig auf seine Arbeit konzentrieren ohne darüber nachdenken zu müssen, ob man es dem Kunden recht macht.
Ich zum Beispiel arbeite komplett Lokal (sollte eigentlich selbstvertändlich sein) und lade jeden Abend eine Spiegelung vom aktuellen Projekt auf meinen Staging-Server hoch, dessen URL der entsprechende Kunde auch kennt. Somit kann er sich permanent dern Fortschritt anschauen und Feedback geben.
Sich absichern!
Hört sich spektakulärer an, als es ist. Als Programmierer (egal welche Programmier– oder Skriptsprache) hat man die Möglichkeit einen sogenannten SVN-Server zu nutzen. Das ist zum einen bei großen Projekten, an denen mehrere Leute arbeiten ein enormer Vorteil, weil man absolut unabhängig voneinander arbeiten kann und die einzelnen Module entwickeln kann und (jetzt kommt der Vorteil, den jeder nutzen kann) man kann jederzeit zu einer bestimmten Version seines Projektes zurück.
Wenn man zum Beispiel schon 75% des Projektes fertig hat und dem Kunden „fällt ein“, dass ein Abschnitt nochmal völlig anders umgesetzt werden muss, dann könnt ihr zum Entwicklungsschritt zurückkehren und dort weitermachen (die Arbeitsschritte danach waren natürlich umsonst, aber das hat nichts mit dem SVN an sich zu tun).
Im Prinzip ist ein SVN-Server ein online-Backup mit Owner– und Zeitstempel und Beschreibung des bisherigen Projektsfortschritts (Änderungen, Neuereungen etc.).
Ich habe mir da ein sehr einfaches System für die Beschreibung der Updates angeeignet:
| +- | = | Funktion/ Methode etc. geändert |
| + | = | Funktion/ Methode etc. hinzugekommen |
| - | = | Funktion/ Methode etc. entfernt |
Was ist nach dem Auftrag?
Da gibt’s meiner Meinung nach zwei Varianten (aus Sicht eines Programmierers):
- Nichts herausgeben, bis das Geld eingegangen ist (das ist die Variante, die man vermeiden sollte und nur bei „dubiosen“ Kunden anwenden sollte).
- Das Projekt online stellen und die Rohdaten erst nach Geldeingang herausgeben, wenn es zum Auftrag gehört.
Aber sind wir mal ehrlich: Es ist und bleibt auch eine Sache des Vertrauens zwischen einem selbst und dem Auftraggeber und so sollte es auch sein, man arbeitet ja schließlich miteinander an einem Projekt und nicht gegeneinander.
Eine Lanze!
An dieser Stelle möchte ich jedoch mal eine Lanze für meine bisherigen Kunden brechen (natürlich gab es Ausnahmen), ich hatte bisher unheimliches Glück und habe dadurch noch sehr sehr nette Menschen kennen gelernt, die ich sonst vielleicht nicht kennen gelernt hätte.
Zudem hat das Zusammenarbeiten viel Spaß gemacht, weil man gemeinsam ein Projekt entwickelt und fertig gestellt hat und man sich gemeinsam über das Ergebnis freuen konnte. DANKE!
Zum Mitschreiben
- Kommt euch der Kunde dubios vor — FINGER WEG!
- Klärt Alles im Vorfeld ab und übernehmt es in euer Angebot (KVA), der Spruch „hinterher ist man immer Schlauer“ trifft hier nicht zu.
- Haltet ständige Rücksprache mit dem Kunden, das zeigt euer Engagement und Interesse am Kundenwunsch (nur zufriedene Kunden kommen wieder oder empfehlen euch weiter).
- Verkauft euch nicht unter Wert — Stichwort Lohndumping!
So, ich hoffe ich konnte in paar Tipps geben und Anregen, falls ihr noch Tipps oder persönliche Erfahrungen habt — ihr kennt ja die Kommentarfunktion ;)
















2 Kommentare
4. Juli 2010 18:35
Kategraphy @Kategraphy
Hallo,
danke für den Artikel. Ich kann diese Erfahrungen gut nachvollziehen und deine Tipps nur bestätigen! Absprachen sind sehr wichtig! Ich hatte ja selbst auch schon richtig miese Erfahrungen mit zahlungsunwilligen Kunden!
Lieben Gruß und macht bitte weiter so! Kate
13. Oktober 2010 15:56
„horst“ @87blog
geile seite — gute artikel!
zu diesem thema habe ich ein mittel gefunden, dass mich vor solchen kunden schützt: französische methode!
bei mir wird in phasen bezahlt und ohne geld aufm konto fang ich nicht an.
der kunde zahlt einen teilbetrag bevor ich anfange — damit arbeite ich im schlimmsten fall nicht für lau und der kunde hat eine absicherung, dass er leistung für sein geld bekommt.
größe projekte = 3 phasen (entwurf, ausarbeitung, final)
kleine projekte = 2 phasen (entwurf, final)
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