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Good Designers Copy, Best Designers Steal

29 Jun 2010, Geschrieben von Rene Haas in Inspiration,Meinung, 8 Kommentare

Good Designers Copy, Best Designers Steal


Als Krea­ti­ver, egal aus wel­chem Genre, sieht man sich die­sem Pro­blem sicher häu­fig gegenüber: Ob es sich um einen gewis­sen Bild­stil, eine Farb­kom­bi­na­tion oder um bestimmte Desi­gnele­mente han­delt, immer flüs­tert einem eine innere Stimme zu: „Das hast doch nicht du erfun­den!“ Aber geht es wirk­lich darum, immer etwas Neues zu erfin­den oder darf man sich auch an Ele­men­ten ande­rer bedienen?

Der von Pablo Picasso geprägte Satz: „Good artists copy, great artists steal!“ wird wohl jedem aus­rei­chend bekannt sein, und doch scheuen wir uns im All­tag davor, Ele­mente von ande­ren zu über­neh­men, meist aus dem Irr­glaube her­aus, wir wür­den etwas Ver­bo­te­nes tun. Ob und wann es hin­ge­gen erlaubt oder gar wün­schens­wert sein kann, sich an frem­dem Mate­rial zu bedie­nen, wol­len wir in die­sem Arti­kel zur Dis­kus­sion stel­len. Beach­tet bitte, dass es sich hier­bei um einen Mei­nungs­ar­ti­kel mit der per­sön­li­chen Sicht­weise des Autors han­delt. Die im Bei­trag teil­weise über­spitzt for­mu­lier­ten Stand­punkte erhe­ben selbst­ver­ständ­li­chen kei­nen Anspruch auf Allgemeingültigkeit.

Der gute Designer

Der „gute“ Desi­gner erstellt ansehn­li­che Lay­outs und ver­kauft diese meis­tens auch pro­fi­ta­bel. Den­noch sta­gniert er auf einer Leis­tungs­ebene und ist mit dem zufrie­den, was er kann und womit er sein Geld ver­dient. Er unter­nimmt nicht mehr als nötig in Sachen Wei­ter­bil­dung denn er ist, wie schon erwähnt, mit sei­nen Leis­tun­gen zufrie­den. Was mir hier häu­fig auf­fällt, vor allem im Bereich der Weblay­outs, dass „gute Desi­gner“ nach einer Art Bau­kas­ten­prin­zip vor­ge­hen. So sieht man auf ein­schlä­gi­gen Platt­for­men meh­rere Lay­outs, meis­tens für ver­schie­dene Kun­den, von einem Desi­gner und alle glei­chen sich auf eine gespens­tige Art. Als hätte der Gestal­ter eine Vor­lage für alle von ihm geschaf­fe­nen Web­sei­ten genutzt. Das Prin­zip hat ein­mal funk­tio­niert und wird nun auf alle Lay­outs mehr oder weni­ger 1:1 übertragen. Was einem danach auf­fällt ist, dass sich Lay­outs aus dem Mittelklasse-Sektor eben­falls sehr ähneln, es scheint als ob einer beim ande­ren abge­schaut hätte. Nun sind wir beim Kern der Sache: Als Kopie zählt man eine exakte Repro­duk­tion eines Gegen­stan­des — ob ich nun ein Schrei­ben auf rotem, blauen oder gel­ben Papier kopiere, ändert nichts an dem Fakt das es eine Kopie ist. Es sieht anders aus, aber eigent­lich ist es genau das selbe!

Der groß­ar­tige Designer

Am bes­ten ver­gleicht man den Spit­zen­de­si­gner mit einem erfah­re­nen Ein­bre­cher. Das klingt nun erst ein­mal hoch kri­mi­nell aber ich komme gleich dar­auf zurück, wie das gemeint ist. Also was legi­ti­miert Dieb­stahl, aber nicht das Kopie­ren von ande­ren Wer­ken? Zum bes­se­ren Ver­ständ­nis sollte man sich den Dieb­stahl nicht als das ille­gale Ent­wen­den frem­den Eigen­tums vor­stel­len, son­dern viel­mehr als einen Pro­zess, bei dem meh­rere funk­tio­nie­rende Ele­mente zusam­men­ge­tra­gen wer­den. Nun ist die Ver­wir­rung groß und einige wer­den sich sicher Fra­gen, ob ich jetzt ganz spinne, aber hier die Auf­lö­sung: Ein erfah­re­ner Dieb klaut nicht wahl­los, so bricht er in ein Haus ein und nimmt nur die Gegen­stände mit, die er spä­ter auch ver­wer­ten kann. Was bringt es ihm, bei einem Anwalt sämt­li­che Akten­ord­ner mit­zu­neh­men? Die will kei­ner und dar­auf bleibt er spä­ter sit­zen und kann sie höchs­tens in sei­nem Kamin ver­hei­zen. Genau so ver­fährt auch der Desi­gner, nur dass er dadurch kei­ner­lei Scha­den ver­ur­sacht und auch nicht straf­fäl­lig wird. Er weiß durch sei­nen Hang zur Wei­ter­bil­dung, was er dem guten Desi­gner vor­aus hat, wel­che Ele­mente er in sei­nem Lay­out ver­wen­den könnte, welche die Mes­sage des Lay­outs unter­stüt­zen und kann genau diese Ele­mente von ande­ren Sei­ten ent­neh­men. Klauen heißt hier also nicht etwas Frem­des zu steh­len und es 1:1 als eige­nes Werk aus­zu­ge­ben, son­dern aus einer Quelle zu schöp­fen, um dar­aus die per­fek­ten Roh­stoffe für ein eige­nes Pro­jekt zu bekom­men. Das fängt bei der Sei­ten­auf­tei­lung an und endet in klei­nen Details wie die ver­wen­dete Type.

Wie klaue ich richtig?

Zunächst möchte ich erst ein­mal die­sen, bis hier­hin ver­wen­de­ten, Begriff des Klau­ens auf­he­ben und ihn mit einem Wort erset­zen, das uns allen geläu­fig ist, näm­lich Inspi­ra­tion. Viele wer­den sich bestimmt den­ken, was Inspi­ra­tion, auch nur im gerings­ten, mit Diebs­tal zu tun hat. Die Frage ist ein­fach beant­wor­tet, schaut man sich mal die eige­nen Arbei­ten an und ana­ly­siert diese auf ihre Cha­rak­te­ris­tika. Als Bei­spiel habe ich hier mal ein etwas älte­res Bild von mir verwendet:

Die Leser, die sich hier wirk­lich mit Gestal­tung beschäf­ti­gen wer­den, sicher­lich schon einige Par­al­le­len zu ande­ren Wer­ken erken­nen — womit sie völ­lig rich­tig liegen. Dieses Bild ent­stand vor knapp einem Jahr, eine Zeit, in der viele Künst­ler krea­tiv mit Typo­gra­fie gear­bei­tet haben. Beim Betrach­ten eini­ger Typo­werke gefiel mir das Kon­zept, doch was mir etwas auf­ge­sto­ßen ist, war der Fak­tor, dass viele ein­fach belang­lose Worte für ihre Arbei­ten genutzt haben. Mehr oder weni­ger habe ich mich dann ande­ren Din­gen zuge­wandt und kam auf das Thema Foto­jouna­lis­mus. Hier scho­ckier­ten mich Bil­der von Kin­der­sol­da­ten in Afrika und sofort hatte ich diese Idee, ein bekann­tes Bild eines Kin­der­sol­da­ten abs­trakt wie­der­zu­be­le­ben. Wie ihr sehen könnt, ist die Zahl der über­nom­men Stile und The­men, allein in die­sem einen Bild, schon rela­tiv groß.

Zur bes­se­ren Über­sicht habe ich hier mal auf­ge­führt, wel­che Punkte aus dem Bild von ande­ren Wer­ken über­nom­men wor­den sind:

• Papier­hin­ter­grund
• Typo­gra­fi­sche Umset­zung eines Bil­des
• Sche­ren­schnittef­fekt
• Blutstropfen

Also war das Ganze gar nicht meine Idee!? Natür­lich war sie das, doch die Umset­zung und der krea­tive Pro­zess wurde von ande­ren über­nom­men und beein­flusst. Man sollte es viel­mehr als seine krea­ti­ven Werk­zeuge anse­hen und es dann für seine Anfor­de­run­gen anpas­sen. Als grobe Zusam­men­fas­sung des Unter­punk­tes könnte man sagen:

„Wenn euch was gefällt und ihr es für eure Zwe­cke nut­zen könnt, dann über­nehmt es. Es wird von nie­man­dem ver­langt, das Rad neu zu erfinden!“

Kopie­ren = Lernen

Der Mensch ist ein Tier, das durch Nach­ah­mung lernt. Wem die­ser Satz spa­nisch vor­kommt, dem seien einige Expe­ri­mente ans Herz gelegt. So wur­den, zu wis­sen­schaft­li­chen Zwe­cken, in einem Fast Food Restau­rant far­bige Schutz­helme aus­ge­legt und meh­rere Leute dazu auf­ge­for­dert sich beim Betre­ten die­ses Restau­rants einen sol­chen Helm auf­zu­set­zen. Zu guter Letzt haben fast alle Besu­cher die das Restau­rant betra­ten, einen Helm auf­ge­setzt und das OHNE Auf­for­de­rung. Wem das immer noch nicht reicht, dem sei Fol­gen­des ans Herz gelegt: Im spä­ten 19. Jahr­hun­dert nahm der ame­ri­ka­ni­sche Psy­cho­loge Win­throp Kel­logg das Schim­pan­sen­baby Gua auf. Zuvor zeugte er mit sei­ner Frau absicht­lich ein Kind namens Donald, um damit ein Expe­ri­ment durch­zu­füh­ren. Beide „Kin­der“ wur­den gänz­lich gleich­be­han­delt. Das Expe­ri­ment, das eigent­lich aus einem Affen einen Men­schen machen sollte, schlug kom­plett fehl. Donald, also der eigent­lich Sohn der bei­den, hatte bei Been­di­gung des Expe­ri­men­tes mehr Züge des Affen­jun­gen Gua ange­nom­men, da die bei­den stän­dig zusam­men waren. Die­ses (in mei­nen Augen grau­same) Expe­ri­ment zeigt aber mit am bes­ten auf, wie wir Men­schen ler­nen und zwar durch Kopie/Nachahmung anderer.

Warum ich die­sem Unter­punkt eine solch aus­führ­li­che Ein­lei­tung gönne, hat einen Grund. Als Neu­ling, egal in wel­cher Bran­che, egal in wel­chem Hobby, lernt man am bes­ten und am schnells­ten, indem man andere nach­ahmt. Das gilt natür­lich auch für alle krea­ti­ven Berufe — wobei hier natür­lich dar­auf zu ach­ten ist, dass man die kopier­ten Werke, auf­grund des gel­ten­den Urhe­ber­rechts, nicht ver­öf­fent­licht. Es spricht aber abso­lut nichts dagegen, fremde Arbei­ten zu Übungs– und Lern­zwe­cken zu kopie­ren. In aller Regel läuft es dann ohne­hin dar­auf hin­aus, dass man bereits im Pro­zess des Kopie­rens eigene Ideen hat, wie man das Werk noch ver­än­dern oder ver­bes­sern könnte, so dass nur sehr sel­ten eine reine Kopie dabei herauskommt.

Fazit

Lasst euch inspi­rie­ren und über­nehmt, wo ihr nur könnt. Das Schwie­rigste ist sicher­lich, den inne­ren Schwei­ne­hund zu bekämp­fen der einen immer wie­der leise ins Ohr flüs­tert, das man ja eigent­lich alles hätte selbst erfin­den müs­sen. Wir von Sie­ben und Acht­zig ken­nen die­ses Pro­blem auch und das nicht nur auf unsere eige­nen Arbeit bezo­gen, son­dern auch auf die The­men des Blogs. Aber am Ende zählt nur, dass ihr (und gege­be­nen­falls euer Kunde) zufrie­den mit eurer Arbeit seid.

Wie steht ihr zu die­sem Thema? Wie weit darf Inspi­ra­tion gehen — ist es legi­tim ein­zelne Gestal­tungs­ele­mente von ande­ren zu über­neh­men? Gibt es über­haupt so etwas wie den „Erfin­der“ einer bestimm­ten Tech­nik? Wir sind gespannt auf euer Feedback!

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8 Kommentare

29. Juni 2010 19:17

Kate­gra­phy

Hallo,

sehr guter Arti­kel mit einem schö­nen Bei­spiel­bild! Cal­vin hatte dazu mal vor einer Weile was geschrie­ben, aber das Thema ist wirk­lich unerschöpflich ;)

Ihr schreibt wirk­lich gut! Ich habe euch mal geret­wee­tet (inter­es­san­tes Wort.…) ;)

LG Kate

29. Juni 2010 19:36

Lau­ritz­Tebbe

Klasse For­mu­liert!
Ich denke da genauso… ein Rad kann ein­fach nicht neu erfun­den wer­den.
Klar — es gibt immer neue Tech­ni­ken, Metho­den, Stile aber alle stam­men von irgend­ei­nem Uhr­sprung ab, wel­che es so oder so ähnlich schon mal gab.
Selbst das Rad hat einen Uhr­sprung und wurde auch nicht irgend­wann mal erfun­den (klar es wurde erfun­den) aber das Ele­ment lag schon lange in der Natur…
Über diese The­men kann man end­los Diskutieren…es gibt viele andere Mei­nun­gen dazu, doch denke ich, dass die­ser Bei­trag wirk­lich gut getrof­fen ist und das viele die glei­che Ansicht haben (was nicht heißt, dass es auch so rich­tig ist…mein Woh­l­emp­fin­den sagt aber ein­deu­tig Ja.)

LG

29. Juni 2010 19:37

Tino Wehe

Naja, ein Haupt­pro­blem ist wohl, dass es vie­les schon gibt (alles wäre jetzt über­trie­ben, aber vie­les schon).
Grade was den Web-Bereich angeht, hier kann man an sich nur noch mit nem gei­len Navi­ga­ti­ons­kon­zept punk­ten oder mit der Idee hin­ter dem gan­zen … aber ansons­ten wird’s schon extrem schwer.
Ich denke daher ist auch der Trend seit eini­ger Zeit wirk­lich back to the roots zu gehen.

Inspi­ra­tion holen tut immer gut finde ich, man KANN auch ein­zelne Ele­mente über­neh­men und für sich abwan­deln … man sollte es jedoch nicht übertreiben ;)

30. Juni 2010 07:52

Davis Tox

Klasse Arti­kel… Super Formuliert…

Ich per­sön­lich lasse mich gerne von ande­ren Künst­lern inspi­rie­ren… dazu gehört eben auch sich etwas zu „Klauen„
sei es der Look eine Farb­stim­mung oder die Tech­nik der Bildbearbeitung…

neu­lich erst wurde ich duch einen Arti­kel (Bril­li­anz fürs Auge — Ein Land­schafts­look) in die­sem Blog inspiriert…

das Ergeb­nis: http://bit.ly/cGWzIm

LG Davis

30. Juni 2010 09:43

ICEPIN

Vor­weg: Schön geschrieben.

Dies Thema beschäf­tigt mich nach 15 Jah­ren Gra­fik und als heu­ti­ger Art Direc­tor schon sehr lange und hat mir schon oft einen Knüp­pel zwi­schen die Beine geschmis­sen, wenn mal wie­der was „irre Tol­les“ ent­ste­hen sollte. „Das kannste doch jez nich machen — ein­fach klauen…“ Mitt­ler­weile halte ich es so, dass ich an Sti­len und Tech­ni­ken ande­rer lerne, aktu­elle Trends auf­greife, von mir aus auch von einer kon­kre­ten Vor­lage aus­ge­hend, einen Ansatz wei­ter­spinne, Stile kom­bi­niere und das Wich­tigste: mein per­sön­li­cher Pool an Mög­lich­kei­ten wird mehr und mehr berei­chert. Frü­her hat man Dinge gelas­sen, weil man sie sich nicht zuge­traut hat, heute kann ich aus einem gro­ßen Topf an Ideen schöp­fen. Man merkt auch schnell, dass viele Dinge ein­fach nur tren­dig sind oder sich der geschmack ändert. Aber irgend­wann passt mal ein Stil oder eine Geschichte aus alten Zei­ten und dann ist man froh, es gemacht zu haben. Ist wie mit ner alten Schrau­ben­kiste — da sind 1 Mil­lio­nen Schrau­ben drin, von denen du 999999 nie brau­chen wirst, aber drin­gend brau­chen wirst du die eine ganz bestimmte und bist froh… wenn du die kiste nicht weg­ge­wor­fen hast…

viele Grüße
Roman Tripler

1. Juli 2010 22:55

fabian

an sich seh ich das genauso, aber man kann sich nicht nur von ande­ren krea­ti­ven inspi­rie­ren lassen.

schon mal ver­sucht sich vom thema selbst inspi­rie­ren zu las­sen, oder von ganz ande­ren din­gen, natur, kino, musik, per­so­nen,. farb­kom­bi­na­tio­nen kann man super fin­den wenn man mit offe­nenn augen durch die stadt geht und sich leute anguckt.
alles sowas bringt einen wei­ter und macht die ideen ori­gi­nel­ler als inspi­ra­tion von ande­ren krea­ti­ven. (auch wenn ich das nicht ver­teu­fele, weil ich auch das tu, aber ich geh auch viel raus und schau mir andere dinge an.)

July 02 2010 12:11 pm

Achtzig

Natürlich lassen wir uns auch von anderen Dingen inspirieren aer darum sollte es in diesem Beitrag nicht gehen.

In dem Artikel wollten wir gezielt die Angst vor dem "klauen" thematisieren.

Aber sei beruhigt, es wird in naher Zukunft ein Artikel über Kreativität online kommen, der sich genau mit solchen Dingen beschäftigt :)

14. Juli 2010 02:08

bee

Tol­ler Arti­kel, und gut geschrieben!

Die Kunst besteht wirk­lich darin, sich über­all das zu neh­men, das einem gefällt, und dar­aus dann die ganz eigene Mischung zu machen. Und nach den ers­ten Übungs-Kopien dann trotz allem Geklaue sagen zu kön­nen: Das ist „meins“ — meine Art, aus 100.000 Ein­drü­cken die­je­ni­gen her­aus­ge­pickt zu haben, die mir gefal­len und die jetzt ein stim­mi­ges, neues Gan­zes ergeben.

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