22 Jun 2010, Geschrieben von Peter Rudolph in Photoshop,Tutorials, 3 Kommentare
RGB - Hirnchirurgie mit Boxhandschuhen
Wer sich im Photoshopnonstop-Forum herumtreibt, dem dürfte der Name „DerW“ ein Begriff sein. Hinter dem W verbirgt sich Jonas Wendorf, der in allerlei Communities die User mit seinen mathematischen Erklärungen zu den verschiedensten Photoshopwerkzeugen fasziniert. In nur zwei Jahren Photoshoperfahrung hat Jonas sich ein unglaubliches Fachwissen angelesen, das so machen Profi erblassen lässt. Wir haben den 18-jährigen Mathefanatiker zu einem Gastbeitrag eingeladen, der Artikel ist — wie zu erwarten — super geworden, aber lest selbst :)
Wenn ihr Fragen zum Artikel habt, stellt sie einfach in den Kommentaren, Jonas wird hier immer wieder rein schauen und euch gerne Rede und Antwort stehen. Ansonsten könnt ihr Jonas auch per Mail (jonas_wendorf [at] web.de) oder Skype (JonasW234) erreichen.
Manege frei für einen genialen Trick — Vorsicht: Etwas freakig, aber dafür umso besser! ;)
Hallo zusammen,
als mich Peter vor Kurzem anschrieb und fragte, ob ich nicht Lust hätte, auf diesem Blog einen Gastbeitrag zu schreiben, war ich direkt hellauf begeistert! Auf meine Nachfrage hin, was für ein Thema ich denn vorstellen sollte, antwortete er „vorzugsweise irgendwelche technisch abgefahrenen Retuschetechniken“ ;).
Gesagt getan. Da das Niveau zudem ein wenig anspruchsvoller sein sollte, entschied ich mich recht bald für diese Technik, die ich euch im Folgenden gerne präsentieren möchte.
Von manchen CMYK-Fans wird die Arbeit in RGB scherzhaft als „Hirnchirurgie mit Boxhandschuhen“ bezeichnet (laut Dan Margulis ;)). Das liegt daran, dass in RGB einer der wirklichen Vorteile von CMYK fehlt: der Schwarzkanal.
Was ist aber, wenn wir zwar diesen Vorteil von CMYK nutzen, aber trotzdem lieber in RGB arbeiten wollen, weil der Farbraum größer ist oder wir uns hier einfach wohler fühlen? Nun, dafür gibt es einen kleinen Trick, den ich euch jetzt zeigen möchte.
Wie immer zeige ich euch zuerst den Trick selbst und erkläre anschließend genau, warum er so funktioniert, wie er funktioniert. So können auch Leute, die nicht an technischen Hintergründen, bzw. Mathematik interessiert sind, von diesem Beitrag profitieren.
Als erstes öffnen wir uns dazu ein beliebiges Bild.
Meines ist in diesem Fall von mir selbst geschossen und zeigt den Effekt, wenn eine Taschenlampe direkt auf das Objektiv meiner Kamera trifft (über Sinn und Unsinn, bzw. Ästhetik dieses Bildes brauchen wir uns glaube ich nicht zu streiten ;-)).
Fangen wir also an.
Als erstes erstellen wir uns eine neue Gruppe im Modus „Farbig abwedeln“, die wir pragmatisch als „CMYK“ bekennzeichnen:

Darin hinterlegen wir jetzt zwei Ebenen vom Typ Volltonfarbe:
Eine komplett weiße („Papier“) und eine komplett schwarze („Schwarz“).
Der schwarzen fügen wir jetzt eine schwarze Ebenenmaske hinzu und blenden die Gruppe „CMYK“ aus.
Als nächstes wechseln wir jetzt auf die (noch) schwarze Maske der Ebene „Schwarz“ und wählen „Bild“-„Bildberechnungen“.
Als Ebene nehmen wir „Zusammengefügt“, Kanal: Rot, Modus: Aufhellen.

Das ganze wiederholt ihr jetzt mit dem Grün– und Blaukanal und bestätigt alles.
Wenn ihr euch fragt, warum wir jeden Kanal einzeln aufhellen lassen, statt direkt das Komposit-Ergebnis zu benutzen, müsst ihr bedenken, dass der Gesamtkanal eine Addition sämtlicher Einzelkanäle ist, welche jedoch mit unterschiedlicher Stärke gewichtet werden.
Daher ist es gut möglich, dass z.B. der Blaukanal (welcher mit ca. 10% am schwächsten gewichtet wird) einiges heller ist, als der Gesamtkanal.
Bisher erstellen wir noch eine CMYK-Separation, bei der wir mit maximalem Schwarz arbeiten würden.
Wenn ihr das ändern wollt, könnt ihr bspw. eine Gradationskurve benutzen und mit dieser die Maske aufhellen und den Kontrast abflachen.
Um anschließend keine Probleme zu bekommen, solltet ihr diese jedoch sofort mit „Bearbeiten“-„Verblassen“ in den Modus „Aufhellen“ verblassen, da ihr, wenn die Maske noch dunkler wird, Tonwerte in der Endberechnung verliert.
Jetzt können wir unsere CMYK-Gruppe wieder einblenden.
Nun folgt die eigentliche CMYK-Separation: ladet die Luminanz des Blaukanals durch [Strg]-/[Cmd]-Klick auf das Kanalsymbol, invertiert diese Auswahl und erstellt eine neue Volltonfarbebene („Gelb“) mit den Werten 255/255/0 im Modus „Multiplizieren“. Invertiert deren Maske (die derzeit noch eine Auswahl des Blaukanals enthält) und blendet diese Ebene wieder aus.
Jetzt macht das Gleiche für den Grünkanal („Magenta“), nur dass ihr dieses Mal die Werte 255/0/255 benutzt.
Zum Abschluss noch einmal das Spielchen mit dem Rotkanal („Cyan“) mit den Werten 0/255/255.
Als letztes müsst ihr jetzt noch den Modus der Gruppe „CMYK“ zurück auf „Hindurchwirken“/„Normal“ stellen und die Maske der Ebene „Schwarz“ invertieren.
Fertig! :)
Übrigens verhalten sich die CMYK-Ebenen, die ihr soeben erstellt habt auch exakt wie solche: die Gradationskurven werden in ihrer Wirkung umgekehrt, so dass die y-Achse den Tintenauftrag, statt der Lichtmenge darstellt.
PS: Solltet ihr diese Technik an euren Bildern nachstellen und auf einmal seht ihr bei dem Ein– und Ausschalten der CMYK-Gruppe seltsame Farb– oder Kontraständerungen im Bild, liegt das zu 99,9% nicht an der Technik (die eine der genauesten überhaupt ist), sondern an einem Anzeigeproblem von Photoshop. Zoomt einfach auf 100% ins Bild, dann sollte sich das Problem erledigt haben :-).
Noch als kleiner Bonus an diejenigen, welche die aktuelle Version (CS5) von Photoshop ihr eigen nennen: Seit der Version CS5 gibt es in Photoshop einen neuen Blendmodus namens „Unterteilen“. Wenn ihr diesen statt dem „Farbig abwedeln“ für die Gruppe „CMYK“ benutzt, könnt ihr statt die einzelnen Farbkanäle in die invertierte Maske aufhellend wirken zu lassen, auch das Positiv der Maske mit den einzelnen Farbkanälen abdunkelnd berechnen und euch so am Ende eine Invertierung ersparen. Das ist allerdings ein wirklich kleiner Schritt, daher habe ich das Tutorial ursprünglich auch mit dem „Farbig abwedeln“ konzipiert :-).
Und warum funktioniert das alles?
Ganz einfach (mehr oder weniger ;))!
Die weiße Fläche, die wir am Anfang erstellt haben, stellt unser Papier dar, auf das wir „Tinte“ auftragen wollen. Dazu nehmen wir uns zuerst sämtliche dunklen Töne des Bildes heraus, indem wir auf eine schwarze Maske die einzelnen Kanäle aufhellend wirken lassen. So wird alles schwärzliche in unserer Maske schwarz.
Jetzt benutzen wir den Modus „Farbig abwedeln“, der nach dem Prinzip C = B:(1-A) arbeitet.
Wir laden die Auswahl unserer Kanäle (uns fehlt hierbei der Schwarzanteil) und invertieren diese (um die C = B:(1-A) zu einem C = B:(1–1-A) zu machen, was auf ein einfaches C = B:A herausläuft). Anschließend multiplizieren wir die Werte wieder ein, nach dem Prinzip C = A*B.
Bekanntermaßen ist die Division die Umkehrfunktion einer Multiplikation, entsprechend können wir so unsere vorherigen Tonwerte wiederherstellen. Da wir im Gesamten jedoch nicht mehr die Division benötigen, sondern zurück auf das Original wollen, müssen wir den Modus wieder auf „Normal“ zurück schalten und erhalten so unser komplette Version mit dem kleinen Fehler, dass der Schwarzkanal noch immer ein Anti-Schwarzkanal ist (den wir wegen dem „Farbig abwedeln“ benötigten, um eine einfache Division zu erhalten). Invertieren wir diesen also wiederum, erhalten wir unser Originalbild :).
Der Zusatztrick funktioniert übrigens, weil „Unterteilen“ nichts anderes ist, als C = A:B, also genau unsere invertierte „Farbig abwedeln“-Gruppe ;).
Im Anhang ist übrigens eine Aktion für euch bereitgestellt, die die CMYK-Ebenen für euch erstellt :).
Experimentelle Techniken — Jonas Wendorf
Wenn ihr noch irgendwelche Fragen habt, Anregungen oder einfach nur ein wenig reden möchtet, könnt ihr mir selbstverständlich gerne eine E-Mail schreiben an: Jonas_Wendorf [at] web.de. Oder schickt mir eine Nachricht im Skype an: JonasW234.
Liebe Grüße,
Jonas































3 Kommentare
23. Juni 2010 10:16
manne @87blog
ich habe noch nicht so richtig verstanden was mir das bringt.….
June 24 2010 22:47 pm
Jonas Wendorf @87blog
Hallo manne,
was dir das bringt ist eigentlich schnell gesagt: CMYK-Kanäle in RGB ohne eine verlustbehaftete Konvertierung :-).
Was also eher relevant ist, sind die Vorzüge von CMYK gegenüber RGB in bestimmten Situationen.
Zum einen wäre da die Möglichkeit, Schatten nach belieben anzupassen, weil diese meistens im Schwarzkanal sind.
Dann kannst du in CMYK auf Grund eben dieses Kanals auch besser mit geringen Farbverläufen arbeiten (d.h. die einzelnen Farben differenzierter bearbeiten).
Last but not least hast du noch eine vollkommen andere Art der Luminanz (wieder einmal der Schwarzkanal), die sich anders verhält, als in RGB/LAB, aber durchaus praktisch sein kann :-).
Für eine wirklich gute Übersicht und einige weitere Tricks zum Arbeiten in CMYK (bzw. den sich daraus ergebenden Vorteilen) kann ich dir übrigens nur Dan Margulis "Professional Photoshop" empfehlen.
LG,
Jonas
18. Juli 2010 22:06
Highend Hautretusche mittels Frequenztrennung | Sieben und Achtzig
[…] hat, das wissen wir spätestens seit seinem ersten Gastbeitrag bei uns. Im Artikel RGB — Hirnchirurgie mit Boxhandschuhen erklärte Jonas uns, wie man einige Vorzüge eines CMYK Bildes auch im RGB Farbraum nutzen […]
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