17 Jun 2010, Geschrieben von Rene Haas in Allgemein,Gestaltung,Tutorials,Typografie, 7 Kommentare
Die Nadel im Heuhaufen
Wenn ein erfahrener Angler einen Fisch fangen will, so macht er sich im Vorhinein schon Gedanken, die ihm dazu verhelfen, den Fisch an Land zu ziehen, den er sich vorher ausgesucht hat. Er wählt Köder, Uhrzeit, Angelschnur und bezieht weitere Aspekte wie Laichzeiten und Wassertemperatur in seine Entscheidung mit ein. Ein Laie hingegen würde einen beliebigen Wurm an den Haken hängen, ihn ins Wasser werfen und auf gut Glück etwas aus dem Gewässer ziehen – sei es auch nur einen alten Schuh.
Genau diese beiden Herangehensweisen lassen sich auch bei der Schriftwahl wiederfinden. Während der Neuling in seinem Schriftenkatalog einfach nach einer Schrift sucht, die er als ästhetisch ansprechend empfindet, macht sich der erfahrene Gestalter Gedanken um die Wirkung einer Schrift und ob sie das, wofür sie bestimmt ist, unterstützt oder es gar in einem negativen Licht darstellt. Dazu bedarf es natürlich einer fundierten Kenntnis von Schrift und deren Wirkung auf den Leser.
Inspiriert wurde ich zu diesem Beitrag von Tino Wehe, welcher bei meinem letzten Artikel (13 Punkte an denen ich merke, ob mein Logo funktioniert!) schrieb, dass ihm die Auswahl einer passenden Schrift, bei einer Logogestaltung, am schwersten fallen würde.
Dieser Post richtet sich jedoch nicht ausschließlich an die Schriftwahl bei einer Logogestaltung sondern soll generell als eine Hilfestellung bei der Suche nach der passenden Schrift dienen.
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Besteht eine Hausschrift?
Wenn ein Unternehmen oder ein Projekt schon seit Jahren mit ein und der selben Schrift arbeitet, so hat sich diese Schrift bei den Kunden bereits etabliert und wird unterbewusst mit dem Unternehmen oder Projekt in Verbindung gebracht. Eine Änderung der Hausschrift ist ein scharfer Eingriff in das Corporate Design und sollte nur mit einem handfesten Design– und Marketingkonzept einher gehen.
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Lokal oder International?
Eine wichtige Frage, die häufig vernachlässigt wird, wenn es zur Auswahl einer geeigneten Type kommt, ist der Faktor ob sie International eingesetzt werden soll/muss oder nur Lokal Verwendung findet. Bei einer Internationalen Verwendung einer Schrift sollte man sich bereits im Vorfeld für eine Schriftfamilie entscheiden die, neben den bei uns gebräuchlichen lateinischen Zeichen, einen möglichst großen Zeichensatz beinhaltet wie z.B. Kyrillisch, Arabisch und Griechisch. Ansonsten müssten bei einer internationalen Nutzung diese Zeichen entweder getrennt in Auftrag gegeben werden, was sich nur sehr wenige Firmen leisten können oder mit einer anderen Schrift ersetzt werden, was jedoch nicht zu empfehlen ist.
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Was für Schnitte brauche ich?
Bei großen Unternehmen, bei denen ein exzessiver Gebrauch einer Schrift vorher zu sehen ist es von Vorteil eine Schriftfamilie mit möglichst vielen Auszeichnungsmöglichkeiten zu verwenden. Die gängisten Auszeichnung wären z.B. Fett (bold), Kursiv (italic) und Kapitälchen (small caps). Hier sollte man auch beachten wie die Schnitte untereinander wirken. Es gibt durchaus Schriftfamilien bei denen die einzelnen Schnitte eher störend im Textfluss wirken als wirklich zu helfen.
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Screen– oder Printmedium?
Heutzutage entstehen immer mehr Unternehmen und Projekte, die vorwiegend oder ausschließlich online agieren und weitestgehend auf Printmedien verzichten. Dies kann aus Kostengründen geschehen oder auch ein Marketingkonzept sein, wir als Gestalter haben uns darauf einzustellen, denn beide Medien haben ihre Eigenheiten, die wir vor allem bei der Auswahl einer Schrift beachten müssen. Ein weiterer Aspekt, den wir in Betracht ziehen müssen, ist hier die momentane Situation, dass Webfont Formate noch nicht von allen Browsern unterstützt werden und eine Systemschrift, die auf Windows und Mac Systemen vorhanden ist, eine geeignete Wahl sein könnte. Ein Beispsiel einer Schrift, die sich für die Darstellung an Monitoren eignet da sie speziell dafür entwickelt wurde, ist die Verdana.
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Wie wichtig ist Lesbarkeit?
Brauche ich die Schrift nur für besondere Angelegenheiten wie zum Beispiel im Logo als Zierschrift, oder soll diese auch als Brotschrift dienen, mit der ganze Broschürenseiten gedruckt werden sollen? Im ersteren Fall könnten wir die Lesbarkeit, bezogen aus längere Texte, vernachlässigen und die Ästhetik in den Vordergrund stellen, wollen wir aber die Schrift unter anderem auch als Hausschrift, und damit auch in Geschäftsbriefen, Flyern oder Imagebroschüren verwenden, sollten wir die Lesbarkeit der Schrift testen indem wir uns einen beliebigen Text kopieren der ca. eine DIN-A4 Seite lang ist, diesen Ausdrucken und selbst lesen. So kann man sehr einfach selbst herausfinden, ob eine Schrift der Lesbarkeit eher im Wege steht oder ihr zu Gute kommt.
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Wie hoch sind die Kosten?
Auf wie vielen Rechnern muss die Schrift installiert werden, brauche ich eine Unternehmenslizenz und /oder eine Weblizenz, damit die Schrift auch im Internet verwendet werden darf? Das sind die Fragen, die sich sofort stellen, wenn man die Frage hört und die auch jeder relativ schnell ausrechnen kann. Jedoch wird gerne ein Detail übersehen welches die Kosten indirekt beeinflusst und zwar die Laufweite einer Schrift. Ist zu Beginn schon absehbar, dass ausführliche Print-Publikationen geplant sind, so ist es von Vorteil, eine Schrift zu wählen, die etwas schmaler läuft, um den Seitenumfang geringer zu halten und somit die Herstellungskosten zu senken. Bei einer guten Wahl ist eine Optimierung von bis zu 30% Seitenumfang erreichbar.
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Wird die Zielgruppe durch die Typografie erreicht?
Eine junge und dynamische Zielgruppe erfordert eine andere Schrift als für ein Publikum der Generation 50 plus. Hier spielen einige Faktoren eine Rolle, denen man sich als Gestalter stellen muss. So sollte die verminderte Sehfähigkeit von älteren Generationen beachtet werden, eine Schrift die zu zierlich daherkommt, kann unter Umständen nur noch schlecht gelesen werden, ebenso Schriften, die zu eng laufen. Eine junge Zielgruppe ermöglicht auch die Wahl einer experimentellen Schrift die eher ungewöhnlich daherkommt, während ältere Menschen nur sehr ungern bekannte Straßen verlassen und lieber auf altbekanntes zurückgreifen. Wer ist also die Zielgruppe meines Unternehmens und wie kann ich diese erreichen? Hat sie bestimmte Vorlieben oder Gewohnheiten, die ich in die Wahl der Schrift mit einfließen lassen kann/muss?
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Kann ich bestehende Formen adaptieren?
Vielleicht arbeitet das Unternehmen, für das man arbeitet, in einem Gebäude, das einem bestimmten Baustil oder einer bestimmten Epoche zuzuordnen ist. Wenn es sich anbietet, die bereits genannten Punkte sollten jedoch ebenfalls bedacht werden, kann man sich an ihnen orientieren und eine Schrift aus der selben Epoche wählen, um das Gesamtbild abzurunden und somit eine gewisse Einheitlichkeit herzustellen. Dieser Punkt sollte jedoch nicht überbewertet werden da sich die meisten Unternehmen wohl keine eigenen Architekten leisten können und gegebenenfalls einmal das Gebäude und somit den Baustil wechseln werden. Sofern sich diese Möglichkeit aber bietet (meist bei größeren Unternehmen) sollte man unter Umständen das Erstellen einer eigens gefertigten Schrift in Betracht ziehen. Diese kann ausschließlich für das Logo verwendet oder im großen Umfang auch für alle anderen Kommunikationsmittel konzipiert werden.
Dies waren die Punkte, die ich persönlich beachte, wenn es um die Wahl einer geeigneten Schrift geht, diese Auflistung hat natürlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit und es gibt sicherlich einige Punkte, die man von Fall zu Fall streichen oder hinzufügen muss. Nach dieser Liste wählt man sich nun am besten eine Handvoll Schriften in die engere Auswahl. Wie ich von dieser Auswahl dann auf die Schrift meiner Wahl komme, erkläre ich im folgenden Teil:
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Ausdruck
Ist die erste Auswahl, heutzutage wohl meistens am Monitor, getroffen, so drucke ich mir jede Schrift noch einmal auf Papier aus. Dies kann man natürlich auch überspringen aber ich habe die Schriften lieber noch einmal gedruckt vor mir liegen. Einfach aus dem Grund, dass sie auf mich gänzlich anders wirken können als auf einem Bildschirm. Wenn es um die Schriftwahl für einen bestimmten Schriftzug geht, so wähle ich als Mustertext natürlich den gewünschten Schriftzug.
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Auswahl durch Polaritätsprofile
Etwas aufwändiger aber extrem hilfreich kann es sein, Polaritätsprofile für die einzelnen Schriften zu erstellen. Polaritätsprofile geben einem eine sehr spezielle Auskunft über die Wirkung einer Schrift. Hierzu werden so viele Personen wie möglich, vorrangig natürlich aus der anzusprechenden Zielgruppe, mit einer Schriftprobe und einer Liste ausgestattet, welche sie intuitiv ausfüllen sollen. Dann errechnet man aus allen Fragebögen zu einer Schrift immer den jeweiligen Mittelwert zu den einzelnen Punkten und erhält somit ein gemitteltes Ergebnis. Dieses Ergebnis ist für mich eines der ultimativen Hilfsmittel, wenn es darum geht, herauszufinden, welche Schrift wirklich passt und welche sich mit dem Corporate Design des Unternehmens vertragen bzw. es unterstützen. Wie diese Polaritätsprofile aussehen können, habe ich einmal anhand von zwei Beispielen dargestellt:

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Finale Auswahl
Kommen wir zum Ende, eines der Dinge die bei mir dann rein intuitiv ablaufen. Ich habe vor mir nun nur noch Schriften die nach der Auswahl durch die Polaritätsprofile als passend eingestuft worden sind und auch sonst alle relevanten Kriterien erfüllt haben. Nun muss man sich einfach entscheiden und das sollte an dieser stelle rein intuitiv geschehen. Man sollte dem Kunden keine Schrift verkaufen, die einem selbst nicht gefällt und so kommt nun die persönliche Note des Gestalters zum Tragen, der sich eine der Schriften auswählt, die ihm am besten gefällt und die seiner Meinung nach am besten zum Projekt passt. Es gibt nicht DIE perfekte Schrift, was dem einen so sehr an einer Schrift gefällt, das kann ein anderer absolut nicht ab und somit bleibt die finale Entscheidung nun doch eine Frage des persönlichen Geschmacks.
Wie man klar sieht, ist die Auswahl einer passenden Schrift nicht wirklich schwer sondern meistens nur eine kleine Fleißarbeit. Der zeitliche Anspruch wird hier mit der wachsenden Erfahrung sinken und wenn man sich einmal in die Welt der Schriften und Schriftwirkung eingearbeitet hat, so eröffnet sich einem eine Welt voller neuer Möglichkeiten. Der Weg, die richtige Schrift zu finden, mag dem Neuling etwas übertrieben aufwändig vorkommen, doch die unterbewusste Wirkung, die Schriften auf uns haben, sollte man nicht vernachlässigen, so ist sehr oft die Schrift daran schuld, dass uns das Lesen eines Buches nach 6–7 Seiten Kopfschmerzen bereitet oder wir uns nichts merken konnten, da wir uns auf das Lesen an sich zu sehr konzentrieren mussten.
Arbeitet ihr mit den oben genannten Methoden?
Habt ihr eine eigene Methode um die passende Schrift zu finden oder geht ihr rein intuitiv vor?
Was sind für euch Faktoren, die ihr bei der Schriftauswahl beachtet?
Haltet ihr ein strukturiertes Vorgehen bei der Auswahl eher als hinderlich oder empfindet ihr es als förderlich?
Verlosung:
Davis Tox hat seinerseits eine Freikarte für das Photoshop Secrets Event in Fürstenwalde bei Berlin gewonnen. Leider kann er selber nicht teilnehmen, weshalb er uns die Karte netterweise zur Verlosung zur Verfügung gestellt hat — danke dafür! Worum gehts? Auf ihrer Tour durch ganz Deutschland zeigen die beiden Photoshop-Koriphäen Calvin Hollywood und Olaf Giermann ihre besten Tricks und Auszüge aus ihrer neuen DVD „Photoshop Secrets 2″, die erst im Herbst erscheinen wird. Ihr habt hier die Chance, eines der letzten Tickets für das Event in Fürstenwalde zu gewinnen — nutzt die Chance!
Was müsst ihr tun? Nicht viel — schreibt einfach einen kurzen Kommentar, warum genau ihr das Ticket haben wollt oder warum ihr es verdient habt. Seid kreativ und schreibt uns was zum Schmunzeln, vielleicht lässt dich die Glücksfee dadurch ja ein bisschen beeinflussen ;) Kommentare könnnen bis Sonntag, 20.6., 16 Uhr eingereicht werden, der Gewinner wird benachrichtigt und der Rechtsweg ist wie immer ausgeschlossen. Wir wünschen viel Glück!
















7 Kommentare
17. Juni 2010 17:42
Isabelle Funke @87blog
Ich würde mich über die Karte total freuen!
Ich bin ein Bildbearbeitungsfreak und habe Calvinize I-III und Photoshop Secrets. Ich würde mich total darüber freuen Olaf und Clavin mal Live zu erleben :)
Büddööööööööööööö *smile*
17. Juni 2010 22:54
Annett-G @CastagnaBLN
Ich hab letztes Jahr schon eine Karte gewonnen.. warum nicht dieses Jahr wieder „umsonst“ hin?
Diesmal, weil ich hier auf dem Blog gelernt habe, die richtigen Gänsefüßchen zu verwenden. Ausserdem ist dann mehr Geld für die Gestaltung meiner Website übrig ;)
lg
Annett
19. Juni 2010 15:59
Leon @87blog
Also ich brauch eine Karte schon mal nicht, denn wie ich schon geschrieben habe, werde ich in nächster Zeit nicht in Richtung Berlin unterwegs sein.
Aber ich wollte an dieser Stelle ein Lob an die Köpfe hinter sieben-und-achtzig aussprechen. Hier erfährt man vieles, vor allem interessantes und nicht alltägliches, worauf man von alleine nie im Leben gekommen wäre. Ich persönlich hätte nie gedacht, dass man so einen großen „Aufwand“ betreibt um nur die passende Schrift auszusuchen. Aber es ist auf jeden Fall interessant und freue mich sehr auf folgende Artikel!
Gruß, Leon
19. Juni 2010 21:20
Julian @87blog
Ich denke, dass die Karte bei mir gut aufgehoben wäre! Ich mag Kartenspiele wie Poker und Skat, da fehlt mir so eine Karte noch in meinem Deck! Auch zwischen den Pokemonkarten wäre sie sicher gut aufgehoben!
Möchte euch auch gleich nochmal gratulieren zu so einem gelungenen Start eures Blogs!
Tolle Sache!
Wenn ich Schriften und Logos erstellen soll, geh ich allerdings gar nicht so analytisch vor, ich geh da eher nach Gefühl vor und lasse dann verschiedene Leute vor allem natürlich aus den Zielgruppen drüberschauen und höre mir deren Kritik gerne und ausführlich an, danach sehe ich dann was man verbessern kann!
20. Juni 2010 12:33
Cornelius Unbehaun @PhotoUnbehaun
Wieder mal ein toller Blogbeitrag, Danke dafür.
Natürlich möchte auch ich die Karte haben, um die neusten Techniken in Photoshop zu lernen.
Warum ich sie verdient haben ?
Ich bin jung und habe kein Geld ;)
lg Cornelius
6. Juli 2010 20:40
fabian @87blog
ihr schreibt, das man den ausdruck auch überspringen kann. das ist meiner meinung nach ganz fatal. typografie ist und bleibt drucksache. also in richtiger größe mit richtigem zeilenabstand und spacing durch den LASER jagen. UND WEHE NICHT ;)
ansonsten schöner artikel
31. Juli 2010 21:28
Typografische Fettnäpfchen | Sieben und Achtzig
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