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Das fotografische Auge: I. Formen

16 Mai 2010, Geschrieben von Rene Haas in Fotografie,Gestaltung,Tutorials, 3 Kommentare

Das fotografische Auge: I. Formen


For­men sind uns im gra­fi­schen Gewerbe bes­tens bekannt, aber wie sieht es aus, wenn wir unser Augen­merk auf die Foto­gra­fie rich­ten? Spie­len hier Grund­for­men wie Drei­eck, Qua­drat und Kreis über­haupt eine Rolle? Die ein­zig rich­tige Ant­wort auf diese Frage ist ein kla­res JA! Wieso und wes­halb das so ist, ver­su­chen wir euch in die­sem Bei­trag näher zu bringen.

Grund­for­men

Als Grund­for­men bezeich­net man ein­fachste geo­me­tri­sche Figu­ren, die wir alle ken­nen. Hierzu zäh­len das Drei­eck, das Qua­drat, der Kreis und das Recht­eck. Jede die­ser For­men für sich hat eine ganz indi­vi­du­elle Pola­ri­sa­ti­ons­wir­kung. Wäh­rend das Drei­eck für die gewisse Span­nung im Bild sorgt, sorgt der Kreis für die nötige Ruhe. Prin­zi­pi­ell kön­nen wir alles in der Natur in diese vier Grund­for­men ein­ord­nen. So ist ein ein­fa­cher Baum, wenn man ihn weit genug absta­hiert, auch nur ein auf­recht ste­hen­des Recht­eck mit einem Kreis als Spitze.

Das Pro­blem

Das Zer­le­gen von kom­ple­xen Gebil­den in ein­fa­che For­men fällt den meis­ten Neu­lin­gen in der Foto­gra­fie noch recht schwer. Warum das so ist, lässt sich rela­tiv sim­pel erklä­ren: Im Gra­fik­de­sign muss der Desi­gner seine For­men selbst erschaf­fen, er kre­iert sich ein Drei­eck oder ein Qua­drat. Allein der Fakt, dass er es selbst erstel­len muss, erfor­dert die inten­si­vere Beschäf­ti­gung mit die­ser Form und setzt vor­aus, dass er diese auch benen­nen und deu­ten kann.

In der Foto­gra­fie nimmt man hin­ge­gen meist bereits Gege­be­nes auf. Man muss den Baum am Wald­rand nicht erst selbst erschaf­fen, er ist ein­fach da und so fällt auch die Vor­aus­set­zung weg, dass man die­ses Objekt benen­nen oder exakt beschrei­ben muss.

Die Lösung

Um For­men wirk­lich sinn­voll nut­zen zu kön­nen, sollte man sie erst ein­mal sehen — und genau da setzt die Lösung für die­ses Pro­blem an. Wir müs­sen auf­hö­ren, etwa einen Stuhl als Stuhl wahr­zu­neh­men, son­dern als gefüllte Flä­che ohne Tiefe, ohne Tex­tur und Farbe. Stel­len wir uns zum bes­se­ren Ver­ständ­nis ein durch­schnitt­li­ches, deut­sches Ein­fa­mi­li­en­haus vor. Schauen wir fron­tal auf das Haus, so sehen wir wahr­schein­lich eine Regen­rinne, eine Ein­gangs­tür, Fens­ter usw. Alles Sachen die wir wahr­neh­men, die uns aber in die­sem Bei­spiel nicht inter­es­sie­ren sol­len, uns inter­es­siert nur die Flä­che des Hau­ses. Wenn wir uns das Haus als ein­far­bige Flä­che vor­stel­len, so haben wir ein Qua­drat bzw. Recht­eck mit einem Drei­eck das auf sei­ner längs­ten Seite ruht. Woran erin­nert uns diese Form? Genau: An einen rich­tung­wei­sen­den Pfeil! Wir sehen also, wie aus einem Haus urplötz­lich ein zei­gen­des Sym­bol ent­steht. Das Prin­zip die­ses Bei­spiel lässt sich auf sämt­li­che Motive adap­tie­ren und mit etwas Übung pas­sie­ren diese Vor­gänge irgend­wann automatisch.

For­men­lehre

Ein wei­te­rer wich­ti­ger Aspekt ist nicht nur das Sehen von Grund­for­men son­dern auch das Wis­sen über ihre Bedeu­tung. Jede Form ver­mit­telt ein ande­res, meis­tens sehr unter­be­wuss­tes, Gefühl beim Betrach­ter. Als Gestal­ter oder Foto­graf sollte man über diese Wir­kun­gen bescheid wis­sen, denn nur so kann man sie gezielt für seine Zwe­cke ein­set­zen (oder bewusst ver­mei­den). Daher kom­men wir nicht um einen kur­zen Exkurs in die For­men­lehre herum.

Das Drei­eck:

Es wirkt, solange es auf einer sei­ner Sei­ten steht, als sta­bile Kon­struk­tion, es ist rich­tung­wei­send und war­nend. Seine Wir­kung ist dyna­misch als auch span­nend! In der A-Form wer­den damit Dächer, Berge, Pyra­mi­den und Nadel­höl­zer assoziiert.

Dreht man das Drei­eck um und bringt es in eine V-Form so erhält man durch die Insta­bi­li­tät die Wir­kung von Gefahr, Aggres­sion und Angriff – das Drei­eck sticht in uns hin­ein! Des­wei­te­ren wird damit seit dem Alter­tum der Schoß der Frau sowie die Drei­fal­tig­keit symbolisiert.

Das Recht­eck / Quadrat:

Da das Qua­drat eine Son­der­form des Recht­ecks ist, neh­men wir sie hier beide als eine Gruppe auf.

Recht­ecke und Qua­drate strah­len Ruhe, Sys­te­ma­tik und Sta­bi­li­tät aus. Das Qua­drat sei hier in Sta­bi­li­tät und Ruhe noch ein­mal beson­ders her­vor­ge­ho­ben. Durch seine gleich lan­gen Kan­ten wird die Wir­kung der Ruhe und der Sta­bi­li­tät noch­mals verstärkt.

Recht­ecke sind eine der meist genutz­ten Gestal­tungs­ele­mente. Sie kön­nen in einem belie­bi­gen Win­kel gedreht wer­den um eine rotie­rend bewe­gende Wir­kung zu bekom­men, genauso kön­nen sie als lie­gend oder ste­hende Recht­ecke ein­ge­setzt wer­den um eine zu erzie­lende Wir­kung zu unter­strei­chen. Eine wei­tere Ver­wen­dung fin­den Recht­ecke als Rah­men, nur mit einer Kon­tur ver­se­hen wel­ches ein wei­te­res Objekt umgibt wird das Recht­eck als Begren­zung angesehen.

Der Kreis:

Der Kreis ist die Form der Per­fek­tion. Er hat weder Ecken noch Kan­ten, weder Start noch Ende. Er ist seit jeher das Zei­chen der Unend­lich­keit, für Licht und für Erkennt­nis. Ver­klei­nert man einen Kreis dras­tisch, so wird er als Punkt wahr­ge­nom­men wel­che wie­derum andere Objekte dar­stel­len kön­nen. Man denke an die Form eines Drei­ecks aus Punk­ten und ohne Kon­tur­li­nie. Mit der Kreis asso­zi­ie­ren wir seit jeher die Sonne, die Erde und den Mond.

Pra­xis:

Nun heißt es das gele­sene Anzu­wen­den und dafür gibt es die unter­schied­lichs­ten Mög­lich­kei­ten. Die erste wäre das prak­ti­sche Üben an Objek­ten, die sich vor euch, zum Bei­spiel auf dem Schreib­tisch, befin­den. Neh­men wir Bei­spiels­weise ein Glas, eine Geträn­ke­fla­sche oder eine Schere, und ver­su­chen nur auf die Flä­che der Gegen­stände zu ach­ten die sie einnehmen.

Eine wei­tere Mög­lich­keit wäre, sich die eige­nen Fotos anzu­se­hen, die einem irgend­wie nicht so recht gefal­len wol­len und sich die For­men ein­zu­zeich­nen (siehe Bei­spiel). Bei die­ser Methode hat man den Vor­teil, dass man nach dem Ein­zeich­nen sofort sieht, ob das Foto von der Form­har­mo­nie ein­fach nicht passt oder ob es doch an etwas ande­rem liegt.

Wie schon erwähnt benö­tigt man auch hier, wie bei so vie­lem, etwas Übung. Je öfter und je inten­si­ver man sich mit den For­men inner­halb von Bil­dern beschäf­tigt, umso leich­ter fällt es, bereits beim Foto­gra­fie­ren auf sol­che Fein­hei­ten zu achten.

Im nächs­ten Teil der Reihe „Das foto­gra­fi­sche Auge“ möch­ten wir einen wei­te­ren Fak­tor hin­zu­neh­men: Die Farb­wir­kung in Ver­bin­dung mit Formen.

Wei­ter­füh­rende Lektüre

Der foto­gra­fi­sche Blick — Michael Freeman

Wie denkt ihr dar­über? Ach­tet ihr beim Foto­gra­fie­ren bewusst auf Form­ge­bung und andere Aspekte der Gestal­tung oder „knippst“ ihr nach Gefühl? Schreibt uns!


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3 Kommentare

16. Mai 2010 12:22

Tweets die Das foto­gra­fi­sche Auge: I. For­men | Sie­ben und Acht­zig erwähnt — Topsy.com

[…] Die­ser Ein­trag wurde auf Twit­ter von Sie­ben und Acht­zig erwähnt. Sie­ben und Acht­zig sagte: Teil 1 unse­rer Reihe „Das foto­gra­fi­sche Auge“ ist online — viel Spaß :) http://bit.ly/bdbOTB #foto­gra­fie #form […]

27. Mai 2010 17:32

Das foto­gra­fi­sche Auge: II. Farbe | Sie­ben und Achtzig

[…] es im ers­ten Teil der Reihe „Das foto­gra­fi­sche Auge“ um For­men ging, wol­len wir uns im heutigen […]

1. März 2011 20:58

How to Design – Form & For­mat | Sie­ben und Achtzig

[…] For­men zu Spie­len und diese, opti­ma­ler­weise mit dem Vor­gän­ger­ar­ti­kel: „Das foto­gra­fi­sche Auge: For­men“, zu kom­bi­nie­ren. Gute Gestal­tung ent­steht nicht aus dem rei­nen Wis­sen, sondern […]

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