13 Mai 2010, Geschrieben von Peter Rudolph in Buchtipp,Inspiration,Rezension,Tests, 4 Kommentare
Buchtipp: "Kribbeln im Kopf" (M. Pricken)
Kreativität ist ein großes, ja ein mächtiges Wort. Ohne Kreativität bringt die beste Ausrüstung nichts, ohne Kreativität kann man handwerklich noch so gut sein — ohne die richtigen Ideen ist all das wertlos. Gemeinerweise scheint Kreativität nicht bei allen Menschen gleich stark ausgeprägt zu sein — während beim einen die Ideen nur so sprudeln, sitzt der andere oft tagelang vor einem weißen Blatt Papier. Ist Kreativität also eine Veranlagung, die man hat oder eben nicht hat? Ein Stück weit sicher, aber bei weitem nicht ausschließlich. Schließlich kann auch der vermeintliche Superkreative in ein Ideenloch fallen und umgekehrt können vermeintlich unkreative Menschen mit den richtigen Techniken und Hilfsmitteln zu großartigen Ideen gelangen.
Wie aber kommt man zu neuen Ideen? Was ist zu tun, wenn man sich das Hirn zermartert, einem partout nichts Kreatives einfallen will? Wenn sich die Gedanken im Kreis drehen und man in den immer selben, bereits dagewesenen Mustern denkt? Zuerst einmal sollte man sich bewusst machen, dass Kreativität eben keine magische Veranlagung ist, sondern vor allem auch ein durchaus greifbarer, erlernbarer und strukturierbarer Prozess. Natürlich sollte man aus der kreativen Ideenfindung keine wissenschaftliche Arbeit machen, dies steht dem Ideenfluss dann wohl doch eher im Wege, aber in einem gewissen Maße ist es absolut sinnvoll, sich an Leitfäden und bewährten Techniken zu orientieren, um seine eigenen Gedanken sammeln und strukturieren zu können und um sie überhaupt erst in Richtungen zu lenken, in die sie von allein vermutlich nie schweifen würden. Woher aber nimmt man solch einen „Leitfaden“, solch eine „Anleitung zur Kreativität“? Ganz einfach: Man blättert zum Beispiel im Buch „Kribbeln im Kopf“ von Mario Pricken. Zugegeben, es gibt daneben noch einiges mehr an Literatur, die sich mit dem selben Thema befasst — Prickens Buch gilt aber nicht umsonst als internationales Standardwerk im Bereich der Kreativitätstechniken.
Der Autor Mario Pricken ist nicht nur durch sein Buch „Kribbeln im Kopf“, das mittlerweile in der 10. Auflage die internationalen Bestsellerlisten stürmt, bekannt, sondern auch durch seine Coachings und Inhouse-Trainings, bei denen er seine Strategien zur Ideenfindung persönlich an den Mann bringt.
Bereits der einleitende 1. Teil des Buches vermittelt einige sehr wertvolle Tipps für den Kreativprozess. Beispielsweise, dass man sich während der Ideenfindung auf keinen Fall von technischen, moralischen oder finanziellen Randbedingungen (nach dem Motto „…aber das können wir ja sowieso nicht umsetzen“) einschränken lassen sollte. Ideen sollten völlig frei fließen können, das Aussortieren von nicht umsetzbaren Ideen ist erst ein separater, zweiter Arbeitsschritt. Erst wenn man solche Zeilen liest, wird einem selber bewusst, wie oft man bereits geniale Ideen verworfen hat, weil sie vermeintlich unrealisierbar waren — laut Pricken einer der größten Fehler!
Auch an die Kreativarbeit im Team wurde im ersten Teil des Buches gedacht, so wird beispielsweise ausführlich erläutert, wann und unter welchen Bedingungen etablierte Techniken wie das „Brainstorming“ im Team überhaupt funktionieren können, und welche alternativen (und ergiebigeren) Kreativitätstechniken es gibt.
Teil 2 und gleichzeitig Kernstück des Buches ist der sogenannte „Clicking-Fragenkatalog“. Anhand einer ganzen Batterie von unterschiedlichsten Denkanstößen versucht dieser Fragenkatalog, die Kreativität des Anwenders anzuregen und seine Gedanken in ungewohnte Richtungen zu lotsen. Der Katalog unterteilt sich in unterschiedliche Herangezhensweisen an das Produkt / das Problem / die Idee, diese Unterbereiche enthalten dann wiederum eine Vielzahl an konkreten „Clicking-Fragen“. Das kann dann beispielsweise so aussehen (Auszug):
Ohne Worte
- Wie lässt sich der Produktvorteil ohne Worte darstellen?
- Wie kann ein einziges Bild den Benefit darstellen?
- …
Provokation und Schock
- Was wurde im Zusammenhang mit diesem Produkt noch nie gezeigt?
- Was würde sich über das Produkt keiner zu sagen trauen?
- …
Perspektivwechsel
- Wie lässt sich das Produkt aus der Perspektive anderer daran beteiligter Lebewesen, Dinge oder Ereignisse in Szene setzen?
- Wie kann man durch das Spiel mit der Makro– oder Mikroperspektive etwas über das Produkt oder die Dienstleistung vermitteln?
- …
Der große Vorteil von Prickens Fragenkatalog ist, dass es sich dabei nicht um eine schwammige Theorie, sondern um absolut konkrete Fragen handelt. Diese kann man (muss man aber natürlich nicht) eine nach der anderen durchgehen, und versuchen, eine ebenso konkrete Antwort darauf zu formulieren. So ist man geradezu gezwungen, sich seinem Produkt (oder worum auch immer es sich handelt) von wirklich allen nur erdenklichen Seiten zu nähern, ohne dabei in altbekannte Denkmuster zu verfallen.
So gut und hilfreich der Textanteil in „Kribbeln im Kopf“ auch ist, das Buch wäre nur halb so attraktiv ohne die unzähligen Abbildungen von gelungenen Beispielen aus der Werbebranche. Passend zur jeweiligen Clicking-Frage werden entsprechende Kampagnen vorgestellt, netterweise gleich mit übersichtlichen Angaben zum Kunde und zur beteiligten Agentur, so dass man sich bei Interesse problemlos selbst weiter darüber informieren kann. Sicher, Auflistungen gelungener Kampagnen findet man in der Literatur und auch kostenlos im Netz zuhauf — was „Kribbeln im Kopf“ aber einmalig macht, ist die direkte Gegenüberstellung der Beispiele mit den Clicking-Fragen, so dass man neben der Frage als Denkanstoß auch reichhaltige visuelle Inspiration aus den Beispielkampagnen ziehen kann. Diese Kombination ist in der Praxis tatsächlich äußerst ergiebig, und es sollte fast an ein Wunder grenzen, wenn man anhand dieses Buches keine kreative Idee entwickeln kann.
Viele der vorgeschlagenen Denkansätze in „Kribbeln im Kopf“ zielen direkt oder implizit auf die Anwendung in der Werbung ab. Verständlich, denn natürlich sind gerade in der Werbebranche frische Ideen überlebensnotwendig. Dies soll aber bitte nicht dazu führen, dass Leute, die selber nicht direkt in der Werbebranche tätig sind, das Buch enttäuscht wieder weglegen — die vorgestellten Techniken und Strategien lassen sich ohne Probleme auch in jeder anderen Branche anwenden, wo neue kreative Sichtweisen gefragt sind. Ob Grafiker, Fotograf, Autor oder Komiker — jeder kann aus diesem Buch etwas mitnehmen und es ist eigentlich verwunderlich, dass es keine „Geld-zurück-Garantie“ zum Buch dazu gibt — denn zurückgeben wollen wird es mit Sicherheit niemand, zu groß ist der Nutzen bei der kreativen Arbeit und der Spaß an diesem wunderbar gestalteten Buch.
Das (buchstäblich) schöne an Prickens Werk ist, dass das im Verlag Hermann Schmidt Mainz erschienene Buch nicht nur inhaltlich, sondern auch optisch sehr ansprechend daherkommt. Dank der professionellen und hochwertigen Gestaltungsarbeit von Christine Klell macht es einfach Freude, das Buch in die Hand zu nehmen und sich locker-flockig nicht nur von den Denkstrategien, sondern auch und vor allem von den abgebildeten Arbeiten inspirieren zu lassen. Das, zusammen mit dem wirklich wertvollen Inhalt, rechtfertigt auch den auf den ersten Blick recht happigen Preis von derzeit knapp 70€. Diese Investition hat sich zwar eigentlich bereits beim ersten Durchblättern gelohnt, aber spätestens wenn man das nächste mal ideenlos vor dem sprichwörtlichen weißen Blatt Papier sitzt und beruhigt zur goldgeprägten Rettung im Regal greifen kann, weiß man definitiv, dass man das richtige gekauft hat.
Ich kann das Buch wirklich nur jedem empfehlen, der nicht nur schnelle Inspiration sucht (die man im Netz ja oft schneller, umfangreicher und aktueller findet), sondern auch bereit ist, sich ganz neue Herangehensweisen an den kreativen Prozess anzueignen. Nach der Lektüre von „Kribbeln im Kopf“ ist die Ideenfindung nämlich kein richtungsloses Herumgrübeln mehr, sondern ein strukturierter, zielgerichteter und trotzdem locker-kreativer Prozess, der mit einer unglaulichen Effektivität zum Ziel — DER Idee — führt. Dieses Buch sollte wirklich in keinem (kreativ geprägten) Bücherregal fehlen.
Kennt (und nutzt) ihr „Kribbeln im Kopf“? Wie geht ihr an die Ideenfindung heran und was haltet ihr von „Leitfäden“ wie dem Clicking-Fragenkatalog? Wie geht ihr damit um, wenn die Ideen partout nicht sprudeln wollen? Wir freuen uns auf eure Meinungen!
Übrigens: Noch bis Samstag läuft unser Trajan Gewinnspiel. Wer das Buch „1000 Type Treatments“ gewinnen will, sollte jetzt noch flott das DVD-Regal durchstöbern ;) Der aktuelle Rekord liegt bei 10 Trajan-Covern, das sollte noch zu toppen sein — viel Glück!




















4 Kommentare
13. Mai 2010 15:13
Tweets die Buchtipp: „Kribbeln im Kopf“ | Sieben und Achtzig erwähnt — Topsy.com
[…] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von Sieben und Achtzig erwähnt. Sieben und Achtzig sagte: Kann man Kreativität lernen? Mario Pricken sagt Ja, und wir sagen: Recht hat er! Neuer Artikel: „Kribbeln im Kopf“ http://bit.ly/dsnEwk […]
15. Mai 2010 12:33
Schnette
Der Artikel macht so richtig Lust auf das Buch :-)
Klasse geschrieben!
Es gab auch mal ein paar tolle Tips im Forum. Ich glaub, ich brauch sowas auch — bin in Sachen Ideenfindung nämlich immer etwas chaotisch :-)
May 16 2010 15:21 pm
Sieben
Kannst es dir gern mal ausleihen, wenn du dir ein genaueres Bild machen magst ;)
16. Mai 2010 16:09
Schnette
Ui, cool!
Da komm‘ ich gerne nochmal drauf zurück! Danke!!
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