08 Mai 2010, Geschrieben von Peter Rudolph in Typografie, 5 Kommentare
Der Leidensweg der Trajan Pro
Typografie — für manch einen ein Buch mit sieben Siegeln, für andere ein äußerst reizvolles wenn nicht gar das wichtigste Gebiet der Gestaltung. Typografie ist überall und ständig um uns herum: Zeitungen, Magazine, Werbeplakate, Bücher, Anzeigetafeln, Schilder, Beschriftungen — wir können uns vor typografischen Einflüssen kaum retten. Von morgens bis abends, von Beipackzettel-klein bis Fassadenwerbung-groß, von analog bis digital, auf jeden von uns prasseln im Laufe eines Tages Unmengen an typografischen Eindrücken nieder. Wenn man bedenkt, wie allgegenwärtig Typografie in unserem Alltag ist, ist es fast schon erschreckend, wie wenige Menschen sich wirklich bewusst mit ihr auseiandersetzen und sich bemühen, sie sinnvoll und optisch ansprechend einzusetzen. Denn Typografie ist bei weitem nicht nur eine Sache der Gestalter: Auch wer nur einen simplen Geschäftsbrief in MS Word verfasst, steckt — ob bewusst oder unbewusst — schon mitten drin in der faszinierenden Welt der Typografie.
Der Typosamstag
In unserer Serie „Typosamstag“ (die allerdings nicht zwingend jeden Samstag erscheinen muss), wollen wir uns mit Typografie im weitesten Sinne befassen. Das können konkrete Gestaltungstipps beim Umgang mit Schrift sein, Linktipps zu typografischen Ressourcen im Netz, Rezensionen oder Vorstellungen einzelner Schriftarten. Letzteres soll auch in der heutigen (und ersten) Folge des Typosamstags passieren. Wir haben eine Schrift ausgewählt, die das Attribut „berühmt-berüchtigt“ wohl verdient wie keine andere: Es geht um die Trajan Pro.
Geschichte der Trajan
Die Trajan wurde 1989 von Carol Twombly (die übrigens auch die Caslon Pro und die weit verbreitete Myriad schuf) für Adobe entworfen. Die antike, „römische“ Anmutung der Trajan kommt nicht von ungefähr, als Grundlage für den Schriftentwurf (und natürlich als Namensgeber) dienten nämlich die in Stein gemeißelten Inschriften der Trajanssäule in Rom. Entsprechend den Schreibgewohnheiten im alten Rom besitzt die Trajan keine Minuskeln (Kleinbuchstaben), auch eine Kursive oder weitere Schriftschnitte sucht man vergeblich. Lediglich einen etwas kräftigeren Bold-Schnitt hat Twombly der Trajan mit auf den Weg gegeben. Es folgen einige markante (und teils sehr liebenswürdige) Details der Trajan, die sie unverwechselbar machen:
Die weit geschwungene Cauda (der Schwanz) des „Q“ sieht nicht nur für sich genommen hübsch aus, sondern erlaubt auch äußerst reizvolle Kombinationen mit anderen Buchstaben. Auch das Bein des „R“ ist vergleichsweise weit auslaufend und ist charaktersitisch für die Trajan. Solche „ausschweifenden“ Eigenheiten verlangen aber natürlich einiges Feingefühl bei der Spationierung bestimmter Buchstabenkombinationen.
Recht ungewöhnlich aber deshalb nicht weniger attraktiv ist die Lücke zwischen Stamm und Bogen des „P“.
Auffällig ist auch, dass der Bogen des „D“ etwas über die Grundlinie hinausragt. Dies kann in kleinen Schriftgrößen etwas seltsam und unsauber wirken, wie zum Beispiel im Wort „Bold“ weiter oben. Die kräftigen Serifen, hier am Beispiel des „T“ sind nicht, wie bei vielen Schriften (annähernd) symmetrisch zueinander, sondern Teils leicht schräggestellt und unterschiedlich stark ausgeprägt. Dies trägt nicht unwesentlich zur handschriftlichen (oder besser: handgemeißelten) Anmutung der Trajan bei.
Eigenheiten und Verwendung der Trajan
Es gibt Schriften, die kann man nicht mehr sehen. Dabei muss man allerdings unterscheiden zwischen Schriften, die qualitativ wirklich nicht gerade das Gelbe vom Ei sind (wie etwa die viel gehasste Comic Sans oder auch die Papyrus), und Schriften, die an sich eigentlich sehr attraktiv und hochwertig sind, die aber durch ihren überaus exzessiven Gebrauch unerträglich geworden sind. Die Trajan gehört wohl eindeutig zur zweiten Gruppe: Die Schrift ist an sich sehr reizvoll, und richtig verwendet, kann man damit durchaus attraktive Werke schaffen, allerdings gibt es ein Gebiet, wo die Trajan dermaßen übetrieben genuzt wurde, dass man sie kaum noch ertragen kann: Die Filmwirtschaft.
Wenn man sich zehn zufällig ausgewählte Filmposter oder DVD-Cover ansieht, kann man mit nahezu tödlicher Gewissheit davon ausgehen, dass mindestens eines davon in der Trajan Pro gesetzt wurde. Um nur ein paar populäre Beispiele zu nennen: Titanic, Troja, I Am Legend, Minority Report, Der Da Vinci Code, Die Mumie (Teil 1 bis 75), Die Geisha, Last Samurai, A Beautiful Mind, The Hills Have Eyes, A History of Violence … die Liste ließe sich endlos fortsetzen. Eine eindrucksvolle Sammlung von Trajan-Filmplakaten gibt es zum Beispiel bei Flickr oder in der Movieposter Database.
Das volle Ausmaß des Trajan-Overkills in der Filmwirtschaft wird auch in diesem wunderbar unterhaltsamen Video deutlich, das zwar schon ein paar Jährchen auf dem Buckel hat, aber trotzdem aktueller ist denn je: „Trajan is the Movie Font“ — seht selbst:
Um aber auch die schönen Seiten der Trajan nicht zu kurz kommen zu lassen, zwei weitere „bewegte“ Beispiele:
Eine sehr schön gemachte Typoanimation zur Geschichte und Charakteristik der Trajan:
Und eine sehr interessante Dokumentation über ein typografisches Kunstwerk. Verwendet wurde hier die der Trajan Pro sehr ähnliche Goudy Trajan. Mehr zum eindrucksvollen Gesamtwerk gibt’s auf Colosseotype.com.
Übrigens, ob mans glaubt oder nicht: Die Trajan wird durchaus auch außerhalb der Filmwirtschaft erfolgreich verwendet. Das Logo des Pharmakonzerns Novartis wurde zum Beispiel in der Trajan gesetzt. Obs zum Unternehmen passt, sei dahingestellt, einprägsam ist das Logo wohl allemal.
Trajan-Gewinnspiel
Kleines Trajan-Gewinnspiel zum Wochenende: Geht eure DVD Sammlung durch (falls noch vorhanden, sind natürlich auch VHS Kassetten erlaubt), und zählt die Filme mit Trajan im Titel oder Untertitel. Wer die meisten Exemplare vorweisen kann (von den Finalisten hätten wir dann natürlich gerne ein Beweisfoto), gewinnt eine Ausgabe des großartigen Büchleins 1000 Type Treatments | From script to serif, letterforms used to perfection.
Das Buch ist eine großartige Inspirationsquelle für die Verwendung von Schrift in jeder erdenklichen Form. Wer teilnehmen mag, schreibt einfach einen Kommentar mit gültiger Emailadresse und der Anzahl der gezählten Trajan Filme. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen und Beweisfotos aus Videotheken etc gelten natürlich nicht ;) Einsendeschluss ist kommenden Samstag (15.5.2010) um 18 Uhr.
Wie steht ihr zum Thema Typografie? Ungeliebtes Übel oder faszinierendes Gestaltungsmittel? Wie wählt ihr die Schriften für eure Projekte aus — nach Bauchgefühl oder anhand etablierter Regeln — oder einfach der Standardfont des jeweiligen Programms? Und vor allem: Was haltet ihr von der Trajan — „darf“ man sie heute noch verwenden, oder hat sie für euch schon Comic Sans Status erreicht? Lasst es uns wissen!






















5 Kommentare
9. Mai 2010 17:36
tirro
Ich besitze sage und schreibe noch 45 VHS und 3 DVDs =)
gruss
May 09 2010 18:10 pm
Sieben
Wow, 48 Filme mit der Trajan Pro auf dem Cover? Oder meinst du 48 insgesamt? ;)
11. Mai 2010 20:14
Annett-G
Ich habe 10 Filme mit der Schrift gefunden. Ausserdem sind mir zwei andre Fonts aufgefallen, die fast genauso oft verwendet werden.
Hat ja auch was positives.. man sieht ein Plakat und weiss sofort.. „aha, ein Film wird angekündigt“
LG
Annett
13. Mai 2010 15:01
Buchtipp: „Kribbeln im Kopf“ | Sieben und Achtzig
[…] Noch bis Samstag läuft unser Trajan Gewinnspiel. Wer das Buch „1000 Type Treatments“ gewinnen will, sollte jetzt noch flott das DVD-Regal […]
31. Juli 2010 21:24
Typografische Fettnäpfchen | Sieben und Achtzig
[…] Movie Font“. Sie ziert zumindest gefühlt jedes 2. Filmplakat und DVD-Cover (Siehe auch: Der Leidensweg der Trajan Pro). Bewusst eingesetzt kann sie durchaus noch ihren Reiz haben, man sollte aber immer im […]
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