06 Mai 2010, Geschrieben von Rene Haas in Gestaltung, 4 Kommentare
Gestaltungsraster – Ordnung muss sein!
„Der Raster gliedert Informationen klar und übersichtlich innerhalb eines vordefinierten Raumes.“ — Dieser Satz klingt wenig nach kreativer Freiheit, sondern mehr nach einer schöpferischen Zwangsjacke. Dass dies nicht zwingend so sein muss, und wie man Gestaltungsraster richtig einsetzt, ohne sich selbst damit einzuschränken, versuchen wir in diesem Beitrag aufzuzeigen.
Ein Bergsteiger würde wohl niemals auf die Idee kommen, einen Gipfel zu erstürmen, ohne an Sicherungsseil, Karabiner und Steigeisen zu denken. Anders ticken leider immer noch die meisten Gestalter, die nicht für Printprodukte arbeiten, hier wird meist fröhlich und frei drauflos gewerkelt und das alles ohne Hilfslinien und System. Wundert es da noch jemanden, dass wir im Zeitalter der immer schnelllebigeren Informationen einen festen Halt suchen? Gestaltungsraster können uns helfen, dem Betrachter diesen Halt zu bieten.
Eine klare Gliederung der Informationen sollte nicht als Einschränkung angesehen werden, sondern viel mehr als das was es ist — ein Leitsystem für Information und Kommunikation. Denn seit jeher bedient sich der Mensch einer natürlichen Gabe – das Erfassen von wiederkehrenden Mustern, Ereignissen und deren Bedeutung.
Allgemeines
Wenn man sich mit Rastern beschäftigen will, sollte man sich zuerst vom Bild eines steifen Konstrukts von Linien und Rechtecken entfernen. Die heutigen Gestaltungsraster reichen von einem statischen Muster aus Blöcken bis hin zu sehr komplexen und durchaus flexiblen Gebilden. Wer einen Eindruck über die unglaubliche Vielfalt von Gestaltungsrastern gewinnen möchte, dem sei das Buch „Grid Index“ von Carsten Nicolai wärmstens ans Herz gelegt.
Die Vorteile von Rastern (für Gestalter)
Ein Gestaltungsraster sollte den Designer leiten, ihn dabei aber nicht in seiner Kreativität einschränken. Leider wird genau diese Einschränkung immer wieder als eines der Hauptargumente gegen die Verwendung von Gestaltungsrastern aufgeführt. Komischerweise habe ich aber noch nie gehört, dass das Zeichnen auf einem Millimeter– oder Karopapier die Kreativität einschränken würde. Die große Kunst beim Gestalten mit Gridsystemen liegt darin, die Regeln zwar zu kennen, sie aber immer wieder gekonnt zu brechen, um der Langeweile ein Schnippchen zu schlagen. Die Möglichkeiten, die Grids dafür bieten, sind nahezu unbegrenzt!
Die Vorteile von Rastern (für Benutzer)
Den größten Nutzen aus der Verwendung von Rastern zieht allerdings nicht der Gestalter, sondern der Benutzer. In einem so gestalteten Layout findet er sich schneller zurecht, kann Strukturen feststellen und hat sowohl optische als auch inhaltliche Ankerpunkte. Solche Systeme unterstützen die natürliche Aufnahme von Informationen, und bieten sich somit insbesondere dann an, wenn eine Produktion nicht nur hübsch aussehen, sondern auch Informationen transportieren soll (und das ist in den allermeisten Fällen so).
Beispiele gängiger Rastersysteme
Die hier aufgeführten Beispiele beziehen sich vornehmlich auf Printprodukte – können aber durchaus auch im Webdesign ihre Verwendung finden. Jedoch gibt es bei Non-Print Produkten bedingt durch die Monitorauflösung einige Besonderheiten, auf die wir später eingehen werden.
- Einspaltiger Raster:
Dieses „Rastersystem“ ist wohl das einfachste und eignet sich vor allem für Produkte mit hohem typografischen Anteil wie z.B. Bücher. Hierbei sollte man allerdings schon beim Satzspiegel beachten, dass die Zeilen nicht zu lang ausfallen, um eine gute Lesbarkeit zu erzielen, die in solchen Werken stark im Vordergrund steht. Der einspaltige Raster ist spannungslos und überträgt Informationen sehr neutral.
- Zweispaltiger Raster:
Mit dem Einsatz eines zweispaltigen Layouts stehen dem Gestalter wesentlich mehr Möglichkeiten zur Verfügung, indem er die Spalten in unterschiedliche Größen einteilt oder Bilder bzw. Textblöcke abwechselnd über eine oder auch beide Spalten laufen lässt. Hat man sich mit diesem System angefreundet und die Funktion dahinter verstanden, bieten sich schon hier immense Layoutvariationen. Durch den relativ einfachen Aufbau ist das zweispaltige Raster in meinen Augen das komfortabelste System wenn es darum geht, sich mit Gestaltungsrastern zu beschäftigen. Produkte, die basierend auf einem solchen System angefertigt werden, hinterlassen den Eindruck der Wertigkeit und wirken großzügig. Wer hat, der hat!
- Dreispaltiger Raster:
Bei dreispaltigen Systemen sind wir beim Allrounder angekommen. Wohl kein anderes System wird von Print und Non-Print so exzessiv genutzt wie der bekannte „Dreier“. Viele Gestalter schwören wegen seinem Spannungsreichtum auf das dreispaltige Layout. Bilder über eine, zwei oder auch alle drei Spalten sind denkbar um das Raster aufzulockern. Ebenso verhält es sich mit Textblöcken, Headlines , Farb– oder Freiflächen (Weißraum).
- Vierspaltiger Raster:
Dynamik, Flexibilität und Kontrastreichtum bietet dieses Grid. Mit Systemen, die vier oder mehr Spalten aufweisen, kommt der Faktor der minimalen Mediengröße noch bei der vorherigen Planung hinzu. Das kleinstes Format für ein vierspaltiges Layout sollte DIN A4 (gilt nur für den Printbereich) nicht unterschreiten, da sonst Zeilenlänge oder Schriftgröße einer vernünftigen Lesbarkeit entgegenstehen. Bei solch einem Spaltenumfang sollten Texte und Bilder prinzipiell über mehrere Spalten laufen, um die Übersicht nicht negativ zu beeinflussen. Eine Ausnahme bildet hier natürlich die Marginalspalte (Randspalte). Durch Einsatz von Frei– oder Farbflächen lässt sich das Layout auflockern und so Übersicht schaffen!
Statische und flexible Rastersysteme
Möchte man bei der Erstellung eines Corporate Design schon auf Rastersysteme zurückgreifen, so sollte man beachten, welche Medien der Kunde als Werbeträger verwenden möchte. So können Flyer der Größe DIN A5 oder DIN LANG nicht wie ein Briefbogen oder gar eine Webpräsenz behandelt werden. Um dieses Problem zu umgehen, sollte man auf ein dynamisches Raster zurückgreifen. Dynamisch kann im einfachsten Sinne ein Ersetzen von absoluten Zahlenwerten durch prozentuale Angaben sein.
Ein Logo, das aufgrund eines einheitlichen Gestaltungsrasters für eine Vistenkarte auf 1cm x 1cm verkleinert werden müsste, liegt natürlich nicht im Sinne des Anwenders. Eine bessere Möglichkeit wäre es, die einzelnen Rasterzellen, anhand von Formeln in ihrem Verhältnis zueinander zu verkleinern. So kann sowohl eine minimale als auch maximale Fixgröße für ein Element bestimmt werden.
Besonderheiten im Non-Print Bereich
In Sachen Non-Print gibt es, wie anfangs schon erwähnt, einige Besonderheiten, was das Erstellen von Grids angeht. Zum einen wäre auch hier wieder die Formatfrage, also welche Bildschirmauflösung hat der Benutzer, zum Anderen gibt es im Web einige Standards, die sich über die Jahre eingebürgert haben und von denen man keinesfalls abweichen sollte. So sollte man z.B. beachten, dass das Logo stets in der linken oberen Ecke einer Website wiederzufinden ist. Die Navigation sollte entweder horizontal im oberen Bereich oder vertikal am linken Rand der Website ihren Platz finden. Eine Navigation an anderer Stelle der Seite ist zwar theoretisch möglich, erfordert aber sehr viel Erfahrung und eine makellose Umsetzung, da sie ansonsten vom User nicht als solche erkannt und genutzt wird. In Programmen, die für das Layouten von Webseiten herangezogen werden, in unserem Beispiel Adobe Photoshop, lassen sich sogenannte Dokumentenraster in den Voreinstellungen definieren. Diese können mit einem absoluten Wert wie „XYZ Pixel“ oder auch mit einem prozentualen Wert deklariert werden. Eine weitere und vielleicht etwas elegantere Lösung bieten hier Plug-Ins wie zum Beispiel der Gridmaker von Andrew Ingram. Solche Plug-Ins sind insofern nette Helfer, dass sie uns Zeit sparen und gleich Spalten anstatt nur eines Dokumentenrasters anlegen. Doch zurück zum Dokumentenraster! Für das Arbeiten an Softwareoberflächen bietet sich eine Unterteilung des Dokumentenrasters in 8 Pixel an, da jede Bildschirmauflösung durch diesen Wert teilbar ist. So erreicht man, dass einem am Dokumentenende nicht eine halbe Rasterzelle überbleibt, was das Rechnen ungemein erschwert. Da für Webauftritte (mittlerweile) meistens eine Breite von 960 Px bis 1000 Px gewählt wird, kann man sich dort durch eine Zehneraufteilung einiges an Zeit beim Errechnen der Spaltenbreite ersparen.
Zeitraster
Bisher haben wir uns auf Systeme beschränkt, die ausschließlich aus geometrischen Formen bestanden und einen Raum in zweidimensionaler oder auch dreidimensionaler Weise einteilten. Ein besonderes Häppchen haben wir uns aber bis zu Letzt aufgehoben und zwar das Zeitraster. Es wurde anhand von Studien festgestellt, dass „ein Augenblick“ für den Menschen ziemlich genau 3 Sekunden dauert. Auf dieser Grundlage aufbauend kann man nun damit beginnen, Zeitraster zu erstellen um das emotionale Erlebnis des Berachters zu steigern. Häufig finden solche Zeitraster in der Filmbranche ihre Verwendung, jedoch lässt sich diese Erkenntnis auch auf Animationen im Web oder in Audioformaten übertragen.
Fazit
Wie man sieht, sind Rastersysteme alles andere als langweilige Gebilde. Sie sind unsere Helfer in Sachen erfolgreicher Kommunikation. Ebenfalls sind sie keine Web 2.0 Erfindung, wie man vielleicht durch das vermehrte Auftreten der Rastersysteme in den letzten Jahren denken könnte, sondern schon seit hunderten von Jahren ein viel verwendetes Hilfmittel für Gestaltungsaufgaben. Ihren Siegeszug im Web haben sie gerade erst begonnen und es bleibt abzuwarten, wie sich Raster auf diesem Gebiet weiterentwickeln werden. Spannend dürfte in den nächsten Jahren insbesondere die Verwendung von Rastern bei der Gestaltung von Inhalten für neuartige Geräte wie das iPad werden — hier entsteht ja im Grunde ein völlig neuer Markt mit neuen Möglichkeiten aber auch Herausforderungen. Die Zukunft ist da — und wir sind mittendrin, im 3-Sekunden-Raster der Zeit ;)
Was haltet ihr von Gestaltungsrastern? Unerlässliche Hilfe bei der täglichen Arbeit oder fühlt ihr euch durch Raster doch eher in eurer schöpferischen Tätigkeit eingeschränkt? Übrigens — die Frage geht nicht nur an die Grafiker: Auch wer als Fotograf zum Beispiel die Drittelregel oder den goldenen Schnitt zur Gestaltung seiner Bilder verwendet, greift auf eine Art Rastersystem zurück!
Weiterführende Links (engl.):
- www.Grid-Based.com
- Grid Based Design Toolbox
- www.thegridsystem.org
- www.960.gs
- Flickr — thegridsystem Pool
- 15 Extremely useful css grid layout generator for web designers



















4 Kommentare
6. Mai 2010 12:25
Tweets die Gestaltungsraster: Ordnung muss sein! | Sieben und Achtzig erwähnt — Topsy.com
[…] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von Peter Rudolph, Sieben und Achtzig erwähnt. Sieben und Achtzig sagte: Neuer Artikel: „Gestaltungsraster – Ordnung muss sein!“ http://bit.ly/9Q7iWx :) […]
6. Mai 2010 16:21
tino
Ich gebe es zu, in meinen Anfängen haben mich Raster garnicht interessiert, aber ich hab schnell gemerkt, dass das ordentlich nach hinten losgehen kann ;)
DAHER: Unerlässliche Hilfe! :)
hier mal der GridMaker für CS4:
http://www.designerinaction.de/tipps_tricks/detail.php?id=2075
May 06 2010 17:32 pm
Sieben
Super, danke für die Ergänzung, Tino! Mir gings am Anfang ganz ähnlich, mittlerweile steht bei fast jeder Arbeit ein Raster am Anfang. Ob und wie weit man sich dann daran hält, kann man ja dann immer noch spontan entscheiden ;)
2. Januar 2011 07:04
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